Israel lehnt Waffenruhe ab

31. Juli 2006, 06:24
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Premier Olmert auch nach Angriff auf Kana gegen Einstellung der Angriffe - Hisbollah kündigt Vergeltung an

Condoleezza Rice habe "keinen Termin für einen Waffenstillstand vorgeschrieben", wolle aber noch in dieser Woche ein mit der israelischen und der libanesischen Regierung akkordiertes Paket für eine UN-Sicherheitsratsresolution fertig bekommen, hieß es am Sonntag in Jerusalem, nachdem die US-Außenministerin zu einer zweiten Vermittlungsrunde im Nahen Osten eingetroffen war.

Doch die katastrophalen Folgen eines israelischen Luftangriffs, bei dem im südlibanesischen Dorf Kana dutzende Zivilisten getötet wurden, schienen den ohnehin unsicheren diplomatischen Fahrplan völlig durcheinander zu bringen. Der libanesische Premier Fuad Siniora forderte einen "sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand", erklärte, er sei zu keinerlei Gesprächen bereit, ehe die Kampfhandlungen eingestellt würden, und ließ Rice wieder ausladen. Rice wollte vorläufig in Jerusalem bleiben.

Im Morgengrauen hatte ein israelisches Bombardement in Kana ein dreistöckiges Haus und weitere Gebäude zum Einsturz gebracht, in denen offenbar viele Frauen und Kinder Zuflucht gefunden hatten. Mindestens 50 Menschen, etwa die Hälfte von ihnen Kinder, wurden getötet, und man wusste zunächst nicht, wie viele Opfer noch unter den Trümmern begraben waren.

Siniora verurteilte "die israelischen Kriegsverbrecher"und forderte eine internationale Untersuchung der "israelischen Massaker". Israel machte umgekehrt die Hisbollah für den schweren Zwischenfall verantwortlich, weil sie Zivilisten als "menschlichen Schutzschild"benütze.

Aus Kana und seiner Umgebung seien in den letzten Tagen hunderte Raketen vor allem in Richtung der israelischen Städte Kiriat Schmona und Afula abgefeuert worden - die Hisbollah-Milizionäre würden "Raketen abschießen und dann in die Häuser laufen, um sich zu verstecken". Alle Bewohner der Dörfer "wurden gewarnt und angewiesen wegzugehen", sagte Olmert beim gestrigen Ministerrat, "es ist nicht unsere Politik, auf unschuldige Zivilisten zu schießen".

Zuvor hatte Olmert erklärt, dass Israel "es mit einem Waffenstillstand nicht eilig hat, ehe wir die zentralen Ziele erreicht haben, die wir uns vorgenommen haben". Dazu gehöre "eine detaillierte Regelung über die Aufstellung der Truppen, welche die Zonen sichern sollen, aus denen Israel Gefahr droht."

Die Israelis hatten zuletzt signalisiert, dass sie nicht mehr auf einer sofortigen Entwaffnung der Hisbollah bestehen und sich zunächst damit begnügen würden, dass die Schiitenmiliz aus dem Grenzbereich entfernt wird. Unklar war nach wie vor, ob und unter welchen Bedingungen die Hisbollah zum Abzug von der Grenze und zur Freilassung der verschleppten israelischen Soldaten bereit war.

Am Samstagabend hatte sich Hassan Nasrallah über seine TV-Station Al-Manar wieder mit einer "Durchhalte-Rede"gemeldet, in der er Angriffe auf Städte tief im Inneren Israels androhte. "Bis jetzt ist es dem zionistischen Feind nicht gelungen, irgendeine militärische Errungenschaft zu erreichen", sagte der Hisbollah-Chef. "Wann waren zwei Millionen Israelis gezwungen, ihre Häuser zu verlassen oder sich in Bunkern zu verstecken? Schon in der ersten Tageshälfte gingen Sonntag wieder rund 80 Katjuscha-Raketen auf Nordisrael nieder. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2006)

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