"Unsichtbare Allianz" Israel-Syrien gegen Libanon

31. Juli 2006, 06:26
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UNO-Botschafter Ghassan Tueni: Israel sehe im Libanon "ideologischen Feind" - Als Gegenmodell zu zionistischer Gleichsetzung von Religion und Nation

Beirut/Frankfurt - Vor dem Kollaps des Gesellschaftsmodells in seiner Heimat hat der libanesische Parlamentsabgeordnete, Zeitungsherausgeber und ehemalige UNO-Botschafter Ghassan Tueni in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) vom Samstag gewarnt. Es sei leicht einzusehen, dass Israel "ein ideologischer Feind des Libanon sein muss, weil dessen politisches Modell die zionistische Auffassung einer Gleichsetzung von Religion und Nation widerlegt", schreibt der 80-jährige christliche Politiker.

Der multikonfessionelle Libanon sei eine Herausforderung für Israel "als hebräischer Staat und erste Theokratie der modernen Welt - ein Modell, das islamische Staaten dann kopiert haben, zum Beispiel Pakistan."

Einzigartiger Libanon

Der Libanon leiste in einer angeblich vom "Kampf der Kulturen" erschütterten Welt "etwas Einzigartiges: Er widerlegt diese Theorie, indem er dem Miteinander von Zivilisationen und Kulturen eine Heimstatt bietet - im gelebten Dialog zwischen Christentum und Islam, während der akademische Dialog zwischen meist professionell gemäßigten Gesprächspartnern beider Religionen bisher kaum Erfolge vorweisen kann."

"Im Nahen und Mittleren Osten geht es heute nicht um die Verwirklichung von Demokratie, wie US-Präsident George W. Bush uns glauben machen möchte, sondern ganz konkret um das Überleben des Libanon, seines Staates, seines Volkes und seiner bereits existierenden Demokratie", schreibt der Herausgeber der von seinem Vater gegründeten Beiruter Tageszeitung "An-Nahar", der an die Worte von Papst Johannes Paul II. erinnert: "Der Libanon ist kein Land, sondern eine Botschaft."

Eine Botschaft, die sich an die ganze Region richte. Auf dem Spiel stehe im Libanon aber auch "das einzige Laboratorium, in dem der Islam die Modernisierung und die Trennung von Staat und Religion erproben kann."

Ideologische Feind Syrien

"Von europäischen Juden gegründet, die Europa verließen, um ihrem Ghettodasein zu entkommen, ist Israel nun selbst zu einem Ghettostaat geworden, umgeben von einer Mauer, die eine Trennung von der Außenwelt bewirkt und das Land moralisch erstickt", unterstrich Tueni. Der zweite ideologische Feind des libanesischen politischen Systems sei das baathistische Syrien, das weiterhin Anspruch auf den Libanon als Teil eines "Großsyriens" erhebe.

"Außerdem hält das diktatorische und totalitäre Regime in Damaskus den Libanon für eine Gefahr, weil das Land liberalen Syrern als Agora für den Austausch ihrer Ideen dient und sie die im Libanon herrschende, den syrischen Medien aber verwehrte Meinungsfreiheit nutzen können, um aus nächster Nähe Kampagnen für einen politischen und gesellschaftlichen Wandel zu starten." "In einem dialektischen Prozess hat diese Konstellation zu einer unsichtbaren Allianz zwischen Israel und Syrien gegenüber dem Libanon geführt".

Typische No-win-Situation

"Dieser Krieg wird weder mit einem Sieg Israels noch mit einem Sieg der Hisbollah enden. Es handelt sich um eine typische No-win-Situation. Falls die Hisbollah den Krieg überstehen würde, wäre die gesamte Struktur der libanesischen Politik und Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gebracht und der Nationalpakt sowie die bereits jetzt destabilisierte Machtverteilung gefährdet.

Falls die Hisbollah aber zerschlagen würde, wüchse eine neue Generation radikaler Schiiten in einem Untergrund heran, der sie der Gesellschaft, in die sie integriert werden müsste, noch weiter entfremdete. Die Bereitschaft zum Märtyrertum, bei den Schiiten traditionell stark entwickelt, würde unvorstellbare Ausmaße annehmen und in Kombination mit dem latenten Fanatismus anderer Glaubensgemeinschaften einen Dialog nahezu unmöglich machen."

Ghassan Tueni ist der Vater des Ende 2005 ermordeten Politikers und Journalisten Gebrane Tueni, der zu den Anführern der so genannten Zedernrevolution gehörte, die nach der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri mit wochenlangen Massendemonstrationen zum Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon nach 29 Jahren führte. In dem im Vorjahr gewählten Parlament gehört er der multikonfessionellen Fraktion des "Blocks der Zukunft" unter Führung von Saad Hariri, dem Sohn des ermordeten Ex-Regierungschefs, an. (APA)

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