Wohnfabrik in progress

31. Juli 2006, 13:49
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Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks entsteht derzeit eine Stadt in der Stadt: Alle Beteiligten sind happy - Das Rezept lautet Bürgerbeteiligung

Kräne drehen sich im Kreis. Bagger schaufeln Baugruben aus. Mischmaschinen rühren frischen Beton an. Keine Frage, das sind Bilder einer Baustelle. Einer gar nicht kleinen wohlgemerkt, denn auf dem Gebiet des ehemaligen Kabelwerks in Wien Meidling entsteht derzeit mit rund tausend Wohnungen eine neue Stadt in der Stadt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Stadtverdichtungs- und Stadterweiterungsprojekten gab man sich hier jedoch nicht mit Wohnbau von der Stange zufrieden, sondern griff zu einem komplexen Procedere samt Ideenwettbewerb, Bürgerbeteiligung und kultureller Zwischennutzung. Gesamtinvestitionsvolumen: 150 Millionen Euro.

"Es ist unmöglich, Urbanität vom leeren Blatt aus zu entwickeln", meinte unlängst der französische Landschaftsarchitekt Alexandre Chemetoff, "es gibt immer Spuren zu entdecken und eine Kontinuität herzustellen." Selbst in einer Wüste sei der Boden nicht jungfräulich, und auch der Boden des Wiener Kabelwerks ist ganz und gar nicht unbefleckt, er trieft geradezu von schmieröldurchtränkter Historie.

Das Kabelwerk, wo man seit 1905 auf diesem Areal - in direkter Nachbarschaft zu Josef Franks und Erich Fabers Hoffingersiedlung - Isolierkabel, Drähte und sogar Lockenwickler aus Drahtresten hergestellt hatte, schloss am 19. Dezember 1997 für immer seine Pforten. Ein Schicksalsschlag für viele. "Es gibt nur wenige Familien in Meidling, die nicht im Laufe ihrer Generationen irgendetwas mit dem Kabelwerk zu tun gehabt hätten", meint Volkmar Pamer von der Magistratsabteilung 21 für Stadtteilplanung und Flächennutzung: "Es war immerhin eine der größten Kabelfabriken der Welt und somit auch ein großer Arbeitgeber."

Drei Monate später, als die Stadtplaner zwecks Besichtigung das verlassene Gelände zum ersten Mal betraten, standen die eingetrockneten Kaffeetassen noch auf ihrem Platz, die vergilbten Tageszeitungen waren stumme Zeugen des schwarzen, vorweihnachtlichen Tages. "Alles war da, nur keine Menschen." Eine Identität ist weggefallen. Da lässt sich nicht einfach ein x-beliebiger Flächenwidmungsplan aus dem Ärmel schütteln, da kann man nicht willkürlich den Bestand abreißen, um danach in Reih und Glied geförderten Wohnbau hinzustellen. 1998 hatte die Stadt Wien daher ein Bürgerbeteiligungsverfahren gestartet und im Anschluss einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben.

Es gewann das architekturtheoretische Projekt von Rainer Pirker und The Poor Boys Enterprise. Das städtebauliche Konzept mitsamt seinen so genannten "Impulsatoren", "Attraktoren" und "Transformatoren" schlug in der Architektenschaft Wellen. Die einen kritisierten die unpräzise und laxe Herangehensweise, die anderen sahen in dem strategischen Plan die einmalige Chance, aus einer vagen Idee mit Hilfe der Bevölkerung einen Stadtteil mit sozialem und künstlerischem Fokus zu entwickeln. Rainer Pirker: "Das Wesentliche an unserem Entwurf waren nicht die allgemeinen Parameter, die man aus der Stadtentwicklung gemeinhin kennt, sondern die Schaffung von neuartigen Räumen, die für eine ebenso neuartige soziale Entwicklung dienlich sind."

Erster Schritt war die Miteinbeziehung der Bevölkerung. Fragebögen wurden verschickt, als Interessensvertretung der Anrainer wurde ein Bürgerbeirat gegründet, in zahlreichen gemeinsamen Workshops mit Alt und Jung baute man die ersten groben Wünsche zu einer präzisen Ideensammlung aus, auf deren Basis Rainer Pirker und The Poor Boys Enterprise einen Flächenwidmungs-Bebauungsplan anfertigten. "Keine Hochhäuser und keine ausschließliche Wohnnutzung" war der Wunsch der meisten Beteiligten.

Wesentliches Anliegen vieler Teilnehmer war die teilweise Erhaltung der alten Bausubstanz, dem man mit Beibehaltung der Backsteinbauten und der längst graffitiübersäten Mauern Folge leistete. Auf Anregung der beteiligten Planer wird der Straßenzug an der alten Einfriedung in Zukunft sogar Graffitistraße heißen - die Taufe wurde im Gemeinderat bereits beschlossen.

Während Architekten, Stadtplaner und Bürger an der perfekten Stadt in der Stadt feilten, startete man parallel dazu eine temporäre Zwischennutzung der ungenutzten industriellen Brache. Unter dem Arbeitstitel der "Zwischenstadt" (© Thomas Sieverts) rief man über einige Jahre hinweg rund 500.000 Besuchern die Existenz des Kabelwerks ins Gedächtnis. Hamlet wurde aufgeführt, es wurde getanzt und akrobatisiert, Rockmusiker schrieen sich die Kehle aus dem Hals, die größte LAN-Party Europas öffnete hier ihre Pforten, und nicht zuletzt sorgte auch die Big-Brother-Soap "Taxi Orange" für rege Bekanntheit unter den Teenies und Groupies.

Derzeit wird gebaut und gebaggert. Im Norden des knapp sieben Hektar großen Areals gibt es erst ein paar Baugruben, während die alten Fabrikgebäude noch ihrer Sanierung harren, etwas weiter im Zentrum ist der Rohbau im Fertigwerden, ganz am südlichen Ende hingegen sind bereits die Mieter und Eigentümer einzogen. Wäscheleinen und gelb gestreifte Markisen, die zum Kampf gegen die Sonne ausgefahren sind, sind erste Zeugen des frischen Wohnens.

Vom Atriumhäuschen bis zum Industrieloft ist alles vorhanden, Vielfalt und Chaos sind die eindeutigen Sieger über Monotonie und Ordnung. Zum Zug kamen jene Architekten, die ursprünglich auch am städtebaulichen Ideenwettbewerb teilgenommen hatten: Mascha & Seethaler mit Wohnbau, Hotel und Konferenzzentrum; pool-Architekten, Hermann & Valentiny und Partner, Martin Wurnig und Branimir Kljajic mit etlichen - völlig heterogenen - Wohngebäuden; Georg Schwalm-Theiss und Horst Gressenbauer mit kunterbunten Atriumhäusern; sowie Werkstatt Wien mit Markus Spiegelfeld, die sich um die Sanierung und Adaptierung der bestehenden Industriebauten kümmern. Die Freiraumplanung stammt übrigens von Heike Langenbach + Partner.

Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Hier ist die Mischung gut und sämig geworden. Das "Stück Stadt" - so der Slogan des Kabelwerks - ist bereits zum Zeitpunkt seiner Baustelle weit über die Stadtgrenzen hinaus zu einem internationalen Fallbeispiel für eine neue Generation der Stadtplanung geworden. Volkmar Pamer: "Für ein Bauvorhaben dieser Größenordnung ist das ein noch nie da gewesener Fall."

Es könne schon jetzt behauptet werden, dass eine Bürgerbeteiligung und ein Kooperationsverfahren, wie sie beim Projekt Kabelwerk praktiziert wurden, zu keiner Verlängerung der Verfahrensdauer führt. Mehr noch habe man der Bevölkerung jene Portion Vertrauen und Identifikation entgegengebracht, die notwendig ist, um ein Projekt wie dieses mit großen Schritten in die Zukunft zu tragen.

Die Anrainer zeigen sich mit ihrer neuen Nachbarschaft zufrieden, und die Wartelisten für die rund 1000 Wohnungen sind lang. Vergangenen Mittwoch wurde auf der Baustelle der großen Piazza der Schotter gerecht - Grundlage für das erste große Boccia-Turnier in der neuen Stadt in der Stadt. (Wojciech Czaja/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.7.2006)

architektur@derStandard.at
  • Artikelbild
    fotos: standard/gradnitzer
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  • Der Rohbau
wächst eifrig
voran, die
besprühte
Mauer bleibt
erhalten.
Und bald
wird die
„Graffitistraße“
sogar im
Stadtplan
auftauchen.
Unten: Die
Fabrikshallen
sind noch tot,
die Fenster
zerschlagen.
Die Neubauten
indes
sind schon
bezogen oder
kurz vor der
Übergabe.
    fotos: standard/gradnitzer

    Der Rohbau wächst eifrig voran, die besprühte Mauer bleibt erhalten. Und bald wird die „Graffitistraße“ sogar im Stadtplan auftauchen. Unten: Die Fabrikshallen sind noch tot, die Fenster zerschlagen. Die Neubauten indes sind schon bezogen oder kurz vor der Übergabe.

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