Wir sind Menschenfresser: Woody Allen, Bergman, Bukowski, Piaf, Rossellini...

30. Juli 2006, 09:10
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Georg Stefan Troller erinnert sich an 22 "unvergessliche" Zeitgenossen

Denn da war ja einmal diese Emigration, in die man mit noch nicht siebzehn hineinbefördert wurde . . . Was ist ein Emigrant, so lautete damals ein unter uns kursierender Witz: Ein Emigrant ist erschütternd, zehn Emigranten sind langweilig, hundert sind selber dran schuld! Ja, so war das eben. Man fühlt sich schuldig, auch wenn man gar nichts verbrochen hat. Etwa so wie ein Kind sich verantwortlich macht für die Scheidung seiner Eltern."

Verlust von Heimat, von Freunden, Sprache und Umgebung werden zur prägenden Erfahrung Georg Stefan Trollers, gebürtiger Wiener, der 1938 emigrierte, als knapp Dreißigjähriger nach Deutschland zurückkam und ab 1949 in Paris lebte. Berühmt wurde er mit den Fernsehserien "Pariser Journal" und "Personenbeschreibung". Er drehte über 150 Porträtfilme in aller Welt, verfasste auch mehrere Bücher und Drehbücher, darunter "Wohin und zurück" für Axel Corti.

Menschen interessieren den Heimgekehrten, der hier nie recht heimisch war, Menschen und immer wieder Menschen, fremdes Leben. Er schreibt: "Eine Zeit lang, eine schöne Zeit lang, hatte ich die Chance, mir die Menschen auszusuchen, mit denen ich mich befassen wollte, berühmte oder unbekannte . . . Anfangs reichlich ahnungslos, später immer absichtsvoller wählte ich sie mir danach aus, ob ich ihre Fragestellung zu meiner machen konnte, und damit auch ihre Lösungen . . . Wandlung. Ja, das trieb mich um, glaube ich . . . Die Umgestaltung als Lebensrettung." Und: "Im Erforschen und Beschreiben fremder Menschen konnte ich zu mir selbst gelangen." Troller folgert im Vorwort seines Buches Ihr Unvergeßlichen. 22 starke Begegnungen eine Art Identitätsübernahme, wenn er schreibt: "Sie (die Interviewten) sind irgendwie dein Eigentum geworden - ,wir alle sind Menschenfresser', nannte ich einmal diesen psychologischen Vorgang."

Nun, so weit will man Georg Stefan Troller in seiner Selbsterklärung dann doch nicht folgen (psychologische Herleitungen sind ja oft ein Symptom für Identitätsverlust), weil: den Interviewten wird ja "kein Bein abgebissen" - im Gegenteil. Denn dass da einer im Fragen und Erfragen fremden Lebens ganz im Eigenen ist, wird schon nach den ersten Seiten klar. Das Buch besteht nicht nur aus Filmdialogen, die abgeschrieben wurden, sondern es sind Erzählungen über die Menschen, in die dann Anekdoten, Überlegungen, biografische Details und nicht zuletzt die anlassgebende persönliche Begegnung eingeflochten werden. Dabei bedient sich Troller keines starren Schemas - biografische Daten, Interview, Schlusssatz -, sondern findet immer neue erzählerische Zugänge zu den einzelnen Personen.
Im Fall der französischen Chansonsängerin Barbara ist dieses Interview reine Fiktion, Beschreibung eines Interviews, das nie stattgefunden hat. Hier zeigt Troller ganz außergewöhnliche Qualitäten als Dialogschreiber, und wenn man seine Porträtfilme kennt, hätte man sich für einige lieber fiktive Troller'sche Interviews statt der tatsächlichen gewünscht. So sind die Porträts in diesen Buch sehr liebevoll gestaltet wie auch die Auswahl der Fotos im Mittelteil. Eine Ausnahme bildet das Kapitel "Rossellini & Co.", das von Anna Magnani, Ingrid Bergmann, Roberto Rossellini und deren Tochter Isabella Rossellini handelt: Hier werden die Personen nur kurz abgehandelt, und zu Roberto Rossellini scheint der Autor überhaupt keinen Zugang zu finden.

Das ist nicht unbedingt neu, doch im Gegensatz zu anderen Kapiteln (etwa bei Woody Allen), wo es dem Autor immer wieder höchst eigenwillig gelingt, diesem Manko charmant und ironisch zu begegnen, lässt er in diesem Fall das Fremde und Unverstandene am anderen so stehen. Diese Lieblosigkeit aber ist eine Ausnahme und vielleicht Folge des Namedropping, das vielleicht irgendjemand unerlässlich für den Verkauf des Buches gefunden hat. In der Summe aber ist dieser Ausrutscher unerheblich. Es ist ein lesenswertes, kluges, unterhaltsames Buch und für den Leser in jedem Fall ein Gewinn, eine Begegnung, die nicht zu seinen Lasten geht. (Alfred Goubran/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.7.2006)

Georg Stefan Troller:
"Ihr Unvergeßlichen. 22 starke Begegnungen".
€ 20,50/296 Seiten. Patmos, Düsseldorf 2006.
Das Buch beschreibt Begegnungen mit: Muhammad Ali, Woody Allen, Barbara, Charles Bukowski, Coco Chanel, Axel Corti, Robert Crumb, Romain Gary und Jean Seberg, Ron Kovic, Frieda Lawrence, William Somerset Maugham, Edith Piaf, Roman Polanski, Rossellini & Co., Arthur Rubinstein, Charlotte Salomon, Georges Simenon und Art Spiegelman.
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