Der Container und die Kunst: Zur Logik eines Abschiebespiels

16. Juni 2000, 19:46

In der mittlerweile doch etwas altbackenen Tradition von Agitprop, Living Theater und Aktionismus, die durch den Einsatz moderner Medien etwas aufgemotzt wird, spielt Schlingenschief in bewährter Manier mit der oszillierenden Grenze zwischen Kunst und Realität. Sinn dieses Verfahrens ist es, den Betrachter in eine für ihn ausweglose Double-bind-Situation zu bringen, in der er, kaum nimmt er Stellung, auch schon Unrecht hat:

Wer sich dagegen ausspricht und den Ausländer-raus-Container aus welchen Gründen auch immer weghaben will, macht sich zumindest der Komplizenschaft mit einem reaktionären Kunstbegriff verdächtig; wer die Inszenierung als Kunst goutiert, duldet offensichtlich rassistische Parolen im öffentlichen Raum und bestätigt damit die Verhältnisse, die der Container anklagt. Wer mitspielt und abschiebt, festigt den Ruf des ausländerfeindlichen Landes; wer nicht mitspielt, ist ein Spielverderber.

Wohl kann das Publikum so zum Akteur werden, aber es bleibt der Gnade des Inszenators ausgeliefert. Dieser hat nun darüber befunden, dass die Demonstranten, die das den Container krönende Ausländer-raus-Schild beschädigten, einen lang ersehnten Akt der Befreiung gesetzt hätten. Dieselbe Aktion, von deklarierten FPÖ-Anhängern gestartet, hätte mit Sicherheit nur deren Unfähigkeit, ihrer eigenen Schande ins Angesicht zu sehen, demonstriert. Wenn aber Schlingensief die Regierung einlädt, das Schild abzumontieren, kann sie es wieder nur falsch machen: Tut sie es, wird sie zum lächerlichen Komplizen einer ästhetischen Provokation; tut sie es nicht, duldet sie Hassparolen. Es kommt, aber das lehrt die Moderne seit langem, eben ausschließlich auf den Kontext an.

Getarnter Wunsch, verpasste Chance

Die Pointe dieser Aktion besteht allerdings gar nicht so sehr in ihrer leicht durchschaubaren Ambivalenz, auch nicht in der damit verknüpften politischen Botschaft, sondern in der Adaption des Big Brother-Szenarios für diese. Dadurch werden Einsichten möglich, die die Intentionen der Inszenierung womöglich hinter sich lassen. Denn was sich bei den Protagonisten und ihren Anhängern unwillentlich zeigt, ist die sublime Lust an einer Konstellation, die es ihnen erlaubt, mit gutem Gewissen das zu tun, wogegen sie zu kämpfen vorgeben: abschieben. So wie Big Brother überhaupt die gar nicht so unverblümte Sehnsucht der Ohnmächtigen bediente, ein bisschen über das Schicksal von Menschen entscheiden zu dürfen - wenn auch nur im Spaß -, erlaubt Schlingensief sich und seinen Adepten den Luxus, im Imaginären zu tun, wogegen sie sich in der Realität verwehren: ein Mausklick, eine Telefonnummer - und ein Mensch ist weg.

Natürlich unterstellt man diesen Wunsch immer den anderen, die man dafür verachtet - und vielleicht auch beneidet.

Deshalb muss die spielerische Wunscherfüllung auch als moralgeladener Protest gegen diesen Wunsch getarnt werden. Das hätte, immerhin, Anlass zu einer kritischen Selbstreflexion verborgener und verbotener Ängste und Begierden sein können.

Seit man am Freitag allerdings wieder Jörg Haider, um dessen Aufmerksamkeit Schlingensief im Verein mit politischer Prominenz verzweifelt buhlt, als eigentlichen Adressaten der Container-Aktion bestimmt hat, wurde auch diese Chance vertan ...

Konrad Paul Liessman ist Philosoph und Essayist
*Paulus Manker (14.), Josef Bierbichler (15.), Elfriede Jelinek (16. 6.)

Nach Innenansichten prominenter Gaststars der Schlingensief-Aktion*: etwas weniger teilnehmende Beobachtungen. Von Konrad P. Liessmann
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