Interview: "Psychiatrie statt Höhentrainingslager"

  • Gerhard Schönbacher
    foto:standard

    Gerhard Schönbacher

Gerhard Schönbacher, zweimaliger Gewinner der Roten Laterne bei der großen Schleife, sprach mit Sigi Lützow über die Dopingproblematik

Für Gerhard Schönbacher hat die Dopingproblematik mit Überfluss an Geld bei gleichzeitigem Mangel an Intelligenz zu tun. Mit dem Ex-Profi und Rennveranstalter sprach Sigi Lützow.

Standard: Welche Mittelchen waren für Sie notwendig, um zweimal in Folge Letzter der Tour de France zu werden?

Schönbacher: Valium wäre sicher hilfreich gewesen, aber ehrlich: Nimmt man die heutige Dopingliste zum Maßstab, so waren wir damals bei jedem Rennen gedopt. Wenn sie unsere Urinproben heute noch hätten, wären wir alle dran.

Standard: Hand aufs Herz! Haben Sie je auch zu Ihrer Zeit verbotene, leistungssteigernde Substanzen genossen?

Schönbacher: Manches Medikament fördert die Vergesslichkeit. Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern.

Standard: Die aktuelle Situation im Profiradsport ist nicht lustig. Was sagen Sie als Ex-Profi und dem Sport noch immer Verbundener dazu?

Schönbacher: Ich habe immer gedacht, dass viele Fußballer dumme Menschen sind. Aber es gibt jetzt eine Sportart, die da in der Dichte nicht viel nachhängt. Manche Radprofis sollten statt eines zweiwöchigen Höhentrainingslagers für zwei Wochen in einer psychia-trischen Klinik einchecken - wenn sie damit auskommen.

Standard: Eine Standardentschuldigung für Doper ist, dass etwa eine Tour mit ihren gestiegenen Anforderungen heute ohne verbotene Mittel nicht mehr gut zu fahren, geschweige denn zu gewinnen ist. Wahrheit oder Schutzbehauptung?

Schönbacher: Das ist Schwachsinn. Die Tour ist heute nicht länger oder wesentlich schwieriger als vor 30 Jahren. Die Profis müssen eben langsamer fahren, wenn sie nur Normalbenzin zur Verfügung haben. Es ist ja egal, ob einer ein Zeitfahren mit einem Schnitt von 48 oder 51 km/h gewinnt. Auch Einbrüche bei Etappen gehören zum Sport. Und wenn ein Zuschauer solche Aussagen tätigt, dann geht er von sich selbst aus. Radprofis leben für den Sport. Und es ist ein schönes Leben. Ich bin lieber täglich sechs Stunden in der Hitze gefahren, als in der Fabrik zu arbeiten, mit der einer meiner Teamsponsoren sein Geld verdient hat.

Standard: Wie ist dem Problem Doping im Radsport beizukommen? Die Angst vor dem Erwischtwerden reicht nicht aus.

Schönbacher: Das Problem ist, dass so viel Geld im Spiel ist. Da werden die Grenzen ausgereizt. Vielleicht ist es gesund, wenn sich einmal die Medien und in der Folge die Geldgeber zurückziehen. Das täte auch mir weh, weil ich vom Radsport lebe, aber es wäre eine Möglichkeit, auf ei-ne gesündere Basis zu kommen.

Standard: Warum?

Schönbacher: Wenn ein Top-Profi nur mehr 50.000 statt 500.000 Euro im Jahr verdient, hat er es schon schwer, eine ganzjährige medizinische Versorgung zu bezahlen. Doping auf einem Niveau, das dir eine Chance lässt, nicht erwischt zu werden, ist sehr teuer. Außerdem stellt sich bei weniger Geld sicher schon bald die Frage, ob es das gesundheitliche Risiko wert ist.

Standard: Werden sich die Dopingskandale der letzten Zeit negativ auf die Weltmeisterschaft Ende September in Salzburg auswirken?

Schönbacher: Das glaube ich gar nicht. Da gibt es sicher einen Gewöhnungseffekt. Wer lässt schon ein Stones-Konzert sausen, nur weil es heißt, die sind alle zugekifft? Es geht um die Show, um die gute Musik. (DER STANDARD Printausgabe 29.07.2006)

Zur Person:

Der Steirer Gerhard Schönbacher (52) war 1979 und 1980 Letzter der Tour de France. Als "Träger der roten Laterne"verdiente er bei Kirmes-Rennen gutes Geld. Schönbacher organisiert Mountainbike-Events wie die Crocodile Trophy in Australien oder die Erzberg Trophy (5. August). Er hat exzellente Kontakte in die Profiszene und nützt diese zur Fahrervermittlung. Schönbacher ist verheiratet -"mit einer Ärztin. Für einen Ex-Radprofi günstig"(lacht).

Share if you care