Interview: "Psychiatrie statt Höhentrainingslager"

Redaktion
28. Juli 2006, 19:46
  • Gerhard Schönbacher
    foto:standard

    Gerhard Schönbacher

Gerhard Schönbacher, zweimaliger Gewinner der Roten Laterne bei der großen Schleife, sprach mit Sigi Lützow über die Dopingproblematik

Für Gerhard Schönbacher hat die Dopingproblematik mit Überfluss an Geld bei gleichzeitigem Mangel an Intelligenz zu tun. Mit dem Ex-Profi und Rennveranstalter sprach Sigi Lützow.

Standard: Welche Mittelchen waren für Sie notwendig, um zweimal in Folge Letzter der Tour de France zu werden?

Schönbacher: Valium wäre sicher hilfreich gewesen, aber ehrlich: Nimmt man die heutige Dopingliste zum Maßstab, so waren wir damals bei jedem Rennen gedopt. Wenn sie unsere Urinproben heute noch hätten, wären wir alle dran.

Standard: Hand aufs Herz! Haben Sie je auch zu Ihrer Zeit verbotene, leistungssteigernde Substanzen genossen?

Schönbacher: Manches Medikament fördert die Vergesslichkeit. Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern.

Standard: Die aktuelle Situation im Profiradsport ist nicht lustig. Was sagen Sie als Ex-Profi und dem Sport noch immer Verbundener dazu?

Schönbacher: Ich habe immer gedacht, dass viele Fußballer dumme Menschen sind. Aber es gibt jetzt eine Sportart, die da in der Dichte nicht viel nachhängt. Manche Radprofis sollten statt eines zweiwöchigen Höhentrainingslagers für zwei Wochen in einer psychia-trischen Klinik einchecken - wenn sie damit auskommen.

Standard: Eine Standardentschuldigung für Doper ist, dass etwa eine Tour mit ihren gestiegenen Anforderungen heute ohne verbotene Mittel nicht mehr gut zu fahren, geschweige denn zu gewinnen ist. Wahrheit oder Schutzbehauptung?

Schönbacher: Das ist Schwachsinn. Die Tour ist heute nicht länger oder wesentlich schwieriger als vor 30 Jahren. Die Profis müssen eben langsamer fahren, wenn sie nur Normalbenzin zur Verfügung haben. Es ist ja egal, ob einer ein Zeitfahren mit einem Schnitt von 48 oder 51 km/h gewinnt. Auch Einbrüche bei Etappen gehören zum Sport. Und wenn ein Zuschauer solche Aussagen tätigt, dann geht er von sich selbst aus. Radprofis leben für den Sport. Und es ist ein schönes Leben. Ich bin lieber täglich sechs Stunden in der Hitze gefahren, als in der Fabrik zu arbeiten, mit der einer meiner Teamsponsoren sein Geld verdient hat.

Standard: Wie ist dem Problem Doping im Radsport beizukommen? Die Angst vor dem Erwischtwerden reicht nicht aus.

Schönbacher: Das Problem ist, dass so viel Geld im Spiel ist. Da werden die Grenzen ausgereizt. Vielleicht ist es gesund, wenn sich einmal die Medien und in der Folge die Geldgeber zurückziehen. Das täte auch mir weh, weil ich vom Radsport lebe, aber es wäre eine Möglichkeit, auf ei-ne gesündere Basis zu kommen.

Standard: Warum?

Schönbacher: Wenn ein Top-Profi nur mehr 50.000 statt 500.000 Euro im Jahr verdient, hat er es schon schwer, eine ganzjährige medizinische Versorgung zu bezahlen. Doping auf einem Niveau, das dir eine Chance lässt, nicht erwischt zu werden, ist sehr teuer. Außerdem stellt sich bei weniger Geld sicher schon bald die Frage, ob es das gesundheitliche Risiko wert ist.

Standard: Werden sich die Dopingskandale der letzten Zeit negativ auf die Weltmeisterschaft Ende September in Salzburg auswirken?

Schönbacher: Das glaube ich gar nicht. Da gibt es sicher einen Gewöhnungseffekt. Wer lässt schon ein Stones-Konzert sausen, nur weil es heißt, die sind alle zugekifft? Es geht um die Show, um die gute Musik. (DER STANDARD Printausgabe 29.07.2006)

Zur Person:

Der Steirer Gerhard Schönbacher (52) war 1979 und 1980 Letzter der Tour de France. Als "Träger der roten Laterne"verdiente er bei Kirmes-Rennen gutes Geld. Schönbacher organisiert Mountainbike-Events wie die Crocodile Trophy in Australien oder die Erzberg Trophy (5. August). Er hat exzellente Kontakte in die Profiszene und nützt diese zur Fahrervermittlung. Schönbacher ist verheiratet -"mit einer Ärztin. Für einen Ex-Radprofi günstig"(lacht).

Share if you care
13 Postings
Wieso kommt immer wieder der Vergleich mit Fußballern?


Die Fitnesswerte von Fußballern, auch von den angeblichen Laufwundern der dt. Bundesliga, sind im Vergleich mit anderen Sportlern lächerlich schlecht. Bei den Trainingsumfängen ist das auch kein Wunder. Doping soll im Prinzip helfen, genetisch vorgegebene physiologische Leistungsgrenzen zu überwinden. Aber die Fußballer sind von diesen Leistungsgrenzen noch meilenweit entfernt. Dass es trotzdem zu Pharmamißbrauch kommt, sagt schon genug über diesen "Sport" aus.

dummheit

es geht um den Vergleich, wie dumm Sportler sind. - Ich glaube, dass der meint, dass Fussballer noch ein wenig dümmer sind ;) - so habe ich das verstanden - bitte mich jetzt net niedermachen (ihr dummen Fussballer ;)

Es liegt nicht nur am Geld.

Wenn die Fahrer jetzt klar weniger verdienen, ist es noch lukrativer einen Fahrer durch Doping aufzubauen da er dann einer der wenigen ist der diesen Vorteil hat. Er ist dann quasi eine Bank wie man im Fußball sagen würde.

und was rauchen Sie?

ein starkes kraut, das einen zum glauben bringt, per doping einen fahrer "aufbauen" zu können

Das wurde ja noch nie gemacht. Weder in der DDR, noch in China oder der Sowjetunion oder den USA.

ein "ehrliches" Interview

Schönbacher bringts mit etwas Zynismus auf den Punkt: der Radsport ist unglaubwürdig geworden und wird vom vielen Geld kaputtgemacht. Ähnlich wie beim Fußball und anderen Sportarten, nur spielt im Radsport gutes Doping halt eine noch entscheidendere Rolle.
Ich muss da unweigerlich an den Bode Miller denken, der sich bei jedem 2. Rennen beklagt, dass er eigentlich viel zu wenig Geld bekommt - schließlich verdient der Tiger Woods ja auch das und das ...

Super Interview, danke!

Inhaltlich bin ich allerdings nicht mit der Verdienstgrenze einverstanden: Warum soll ein Spitzensportler nicht mehr verdienen dürfen als ein besserer Angestellter? Schließlich macht er sich ja nicht nur mit Doping die Gesundheit kaputt (riesiges Herz etc., traurige Todesfälle wie Pezzey & Co) und braucht eh' dringend Reserven, um sich die Ärzte nachher leisten zu können - denn nicht jeder ist mit einer verheiratet...

Ich glaube, dass es nicht nur das Geld ist:

Wenn man 10 Jahre lang praktisch jeden Tag hart trainiert, auf ein Ziel verbissen hinarbeitet und dann, obwohl man alles gegeben hat, etwas knapp nicht schafft, was man sich vorgenommen hat, dann ist die Hemmschwelle zu verbotenen Mitteln zu greifen vermutlich sehr, sehr gering.

Kommt auf den Charakter an.

Es gibt auch Leute die dann ehrlich sind und sagen: "Der ist halt besser. Den packe ich nie" und sich mit ihrer Rolle abfinden, zurücktreten oder einen neuen Trainer/ein neues Team suchen, Ihr Training umstellen, ... Doping ist ja nicht die einzige Lösung noch besser zu werden.

Aber gerade das ist es ja,

vielleicht dopt ja der andere Fahrer und ist nur deshalb schneller

Genau

Hängt die Ärzte höher!

Ja klar kann das sein.

Aber da müßte dann jeder dopen um dem vorzubeugen. Das kann auch nicht die Lösung sein.

die Frage ist ja:

welche Mittel stehen einem zur Verfügung. Hr. Schönbachers Aussage bezüglich dem nötigen Niveu an Doping, um überhaupt unentdeckt damit durch zu kommen, entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Und überhaupt - dieses Interview hat etwas... Aussagen alla:"Nimmt man die heutige Dopingliste zum Maßstab...", bestätigen nur, was sich eigendlich jeder denkt.
Wäre nur zu schön, ein "bereinigtes" Endklassement der Tour, und wenn auch nur der letzten 10 Jahre, zu sehen (*räusper* Mr. Armstrong wird sich sicher auch den obersten Grenzwert an erlaubten Testosteron verabreicht haben lassen ;).

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.