Die Metropole für Wagnerianer

2. August 2006, 15:59
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Durch Ljubljana mit dem Blick für das Werk von Josef Plecnik, Schüler von Otto Wagner

Zentraler Treffpunkt in der Stadt und idealer Ausgangspunkt für den Plecnik-Rundgang ist der Preseren-Platz. Auffällig leuchtet ziegelrot die frühbarocke Franziskanerkirche, links und rechts umrahmt von den dekorativen Jugendstilfassaden der Gebäude Ura und Centromerkur.

 

In Richtung Altstadt spannen sich die "Drei Brücken" fächerförmig, in strahlendem Weiß, über den Fluss Ljubljanica. Gesäumt von eleganten Balustraden mit Kandelabern und einem Bogen aus hohen, dunkelgrünen Pappeln überqueren täglich tausende Fußgänger über zwei Bahnen den Fluss. Nur die mittlere Spur - es ist die alte Franziskanerbrücke, die Plecnik erhalten wollte - darf befahren werden. Eine angenehme Irritation stellt sich erstmals ein: Vom Gefühl des unbeschwerten Flanierens und des südlichen Flairs her wird man an Venedig oder Florenz erinnert.

Gleich links biegt man ein zum Markt und erlebt eine weitere Überraschung: Die überdachten Markthallen, die mit ihrer geschwungenen Säulenreihe an die Architektur Palladios erinnern. In den Kolonnaden bieten Bäuerinnen Kräuter, Käse, Pilze und Würste an. Besonders lebhaft geht es zu den Marktzeiten am angrenzenden Pogacar- und Vodnikov Platz zu. Vor der Barockfassade des Dom St. Nikolaus ist es einfach ein Genuss, bei den Obst und Gemüsestandln zu gustieren.

 

Kein Rüstungsbudget

Josef Plecnik schätzte die malerische Lage der Burg von Laibach. Für ihn bildete sie die Krone der Stadt, und er träumte davon, sie architektonisch zu einer "Slowenischen Akropolis" aufzurüsten. Die Wirtschaftskrise verknappte das Budget. Auf den markanten, 376 Meter hohen Schlossberg führt steil die schmale Studenovska Gasse hinauf. Großartig ist der Ausblick vom Burgturm auf die verschachtelten Ziegeldächer der Altstadt, bis hin zu den Karawanken. Zurück in die barocken Straßen geht's auf von Plecnik gestalteten Wegen und Plätzen, nach dem Katzensteig Macja steza bergab zur Hl. Florian-Kirche, dem St. Jakobs Platz mit der, nach römischem Vorbild gestalteten Mariensäule, errichtet 1938.

Mit ihren hellgrünen Trauerweiden und bunten Sonnenschirmen bilden die zahlreichen Lokale an den von Baumeister Plecnik gestalteten Kais gastliche Gärten mit mediterraner Stimmung und Speisekarte. Den luftgetrockneten Karstschinken Prsut mit einem Gläschen Teran zur Einstimmung, zum Abschluss einen duftenden Espresso. Sonntags von 8.00 bis 12.00 Uhr kommt der Flohmarkt dazu, eine Fundgrube für Sammler und Kuriositätenjäger.

Es war ein großes Glück für die Entwicklung des Stadtbildes, dass Josef Plecnik bei seinem Vorbild Otto Wagner künstlerische, urbanistische Architektur studiert hatte. Nach der besten Diplomarbeit an der Akademie erhielt er ein einjähriges Reisestipendium nach Italien. Er ist überwältigt von der Baukunst und findet in jeder Stadt Modelle, Details, die er später in seiner Stadt einbauen wird. Mit Palladio, Michelangelo, Brunelleschi erweitert er ab nun die Liste seiner Vorbilder.

Nach langen Jahren in Wien und Prag kehrt der Architekt Plecnik 1921 als Professor an die neu gegründete Universität in seine Geburtsstadt Ljubljana zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist er fast 50, und er hat bedeutende Pläne. Nämlich nicht mehr oder weniger, als seine Vision real werden zu lassen: Die Verwandlung des ehemals habsburgischen Provinzstädtchens Laibach in die selbstbewusste Metropole der Slowenen.

 

Als Biene nach Prag

Nach dem Zerfall der Donaumonarchie wuchs der Wunsch nach nationaler Kunst und Symbolik. In den nächsten Jahrzehnten wird Plecnik, mit hohen Arbeitsethos und dem sprichwörtlichen Fleiß einer Biene, in Ljubljana und Prag wirken. Vom tschechischen Präsidenten Masaryk kam der ehrenvolle Auftrag, die Prager Burg sensibel - als ein Denkmal des tausendjährigen kulturellen Erbes - umzubauen.

Weiter flussabwärts hört man die Ljubljanica kräftig rauschen. Monumental und geheimnisvoll, fast archaisch anmutend, erhebt sich die Schleusenanlage aus dem Wasser. Ein starker Entwurf von Plecnik, erbaut Anfang der 1940er-Jahre. Im renovierten Renaissance-Schloss Fuzine wird im Architekturmuseum eine ständige Ausstellung des Architekten gezeigt.

Aufschlussreich ist auch sein Wohnhaus im Stadtteil Trnovo in der Gasse Karunova Nr. 4. (Di, Do 10-14 Uhr). Die Einrichtung ist schlicht, zeigt dennoch, dass er ein Meister des Interieurs war. In den Wintergarten führt ein niedriger Eingang als Symbol für Bescheidenheit. Darüber eine Tafel mit Bienen: Fleiß!

Selbst tief religiös, baute er wunderbare Kirchen. Eine besonders liebenswerte steht im Dorf Crna Vas, südlich im Laibacher Moor: St. Michael. Der Schlüssel ist erhältlich in der Pfarrerswohnung an der Rückseite. Über eine frei stehende Treppe betritt man einen zauberhaften Innenraum. Warmes, knarrendes Holz, eine Fülle von Details, byzantinisch und volkstümlich slawisch. Eine Wohnkirche, die auch Atheisten ein Gefühl von Geborgenheit geben kann.

Die Umgestaltung des Kreuzritterklosters Krizanke im Stadtzentrum war Plecniks letzte große Aufgabe. Es ist ein außergewöhnlich stimmungsvolles Freilufttheater geworden, wo im Juli und August das Internationale Sommerfestival mit Musik, Tanz und Theater veranstaltet wird. (Brigitte Breth, Der Standard, Printausgabe 29./30.7.2006)

Im Wiener Ringturm läuft zurzeit eine Ausstellung zum Werk von Josef Plecnik. Mo-Fr 9-18 Uhr; freier Eintritt.
Detaillierte Infos über das Kulturprogramm in Ljubljana: Slovenia

  • Auch der Marktplatz wurde vom Architekten J. Pleènik gestaltet
    slovenien.info

    Auch der Marktplatz wurde vom Architekten J. Pleènik gestaltet

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