"Gut genug, um den Verkehr zu regeln"

29. Juli 2006, 23:18
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Die libanesische Armee leidet vor allem an mangelndem Vertrauen der Bevölkerung

Ein Lastwagen der Armee mit einem Dutzend Soldaten auf der Ladefläche versucht in der südlibanesischen Stadt Nabatiyeh eine steile Haarnadelkurve zu bewältigen. Der Fahrer muss unter spöttischen Kommentaren von Einheimischen mehrere Anläufe nehmen. "Die sind gerade gut genug, um den Verkehr zu regeln", bemerkt einer der Männer. In diesen Tagen des pausenlosen Beschusses südlibanesischer Dörfer und Städte durch israelische Artillerie und Luftwaffe glauben die Menschen hier nicht, dass die libanesische Armee sie schützen könnte. Das schaffen auch die Beobachter der Unifil oder irgendeine neue UN-Truppe nicht. Nur die Hisbollah gibt ihnen eine gewisse Sicherheit.

Die libanesische Armee ist selbst Ziel der israelischen Offensive. 22 ihrer Soldaten sind bereits umgekommen, Dutzende erlitten Verwundungen. In den ersten Kriegstagen haben libanesische Truppen einige Fliegerabwehrraketen abgefeuert, darüber hinaus blieben sie meist unbeteiligte Zuschauer, die aber hin und wieder Präsenz zeigen.

Die libanesische Armee ist nach dem Abzug der Israeli aus dem besetzten Süden im Jahr 2000 nicht in diese Region vorgestoßen, sondern musste der Hisbollah dieses Feld an der Grenze zu Israel überlassen, mit dem sich die Zedernrepublik offiziell immer noch im Kriegszustand befindet.

In ihren Beschlüssen nach dem Ausbruch des Krieges hat die Regierung von Premier Fouad Siniora nun aber mit Zustimmung der beiden Hisbollah-Minister erklärt, dass künftig die Autorität der gewählten Exekutive das ganze Staatsgebiet einschließen werde. Eine Entsendung libanesischer Truppen in den Süden wird aber erst nach dem Ende der Kampfhandlungen zur Diskussion stehen.

Die 70.000 Mann starke libanesische Armee ist keine hochgerüstete Kampftruppe. "Das ist aber nicht das Problem. Ausrüstung und Training kann man in wenigen Monaten verbessern. Ihre Stärke bekommt sie durch das Vertrauen, dass alle Gruppierungen des Landes in sie setzen", erklärt Oussama Safa, Direktor des Libanesischen Zentrums für Politikstudien.

Genau da liegt der neuralgische Punkt. In früheren Krisen - etwa am Anfang des Bürgerkriegs 1975 - brach die Armee jeweils entlang von religiösen und ethnischen Grenzen auseinander. Ganze Brigaden wurden zur Miliz einzelner Kriegsherren. Daraus hat die Regierung allerdings die Konsequenzen gezogen. Jetzt sind alle Einheiten gemischt. (Astrid Frefel aus Nabatiyeh, DER STANDARD, Print, 29./30.7.2006)

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