Das goldene Zeitalter

29. Juli 2006, 10:00
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Vom 1. August 2006 an gelten auch in Öster­reich die Regeln der nach zehnjährigem Ringen (vorläufig) endgültig abgeschlossenen Rechtschreibreform

Der Versuch einer Sichtung des Status quo von Cornelia Niedermeier.


"Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbey", kühlt schon Goethes Eleonore den Übermut ihres G(g)eliebten Tasso.

Ähnlich nüchtern (nur oh-ne "y") ist das "vorbei", das am 1. August 2006 dem goldenen Zeitalter der alten Rechtschreibung winkt: Von diesem Tag an gilt endgültig die Schreibweise der seit März abgeschlossenen Rechtschreibreform. In Österreich, in Deutschland und in der Schweiz.

Sie gilt - aber für wen? Nur Schüler, Lehrer und Beamte sind verpflichtet, ihre Texte gemäß der neuen, nun erneut veränderten Regeln zu verfassen.

Für alle anderen - Verlage von Büchern und Printmedien eingeschlossen - herrscht das Gebot der freien Wahl. Erlaubt ist - Tassos heimlicher Triumph - "was gefällt". Und der Varianten (siehe Grafik unten)sind viele. Selbst innerhalb der reformierten Reform der Reform. Eine "Tendenz in Richtung Variantenschreibung"sieht denn auch Heidrun Strohmeyer, zuständige Sektionschefin im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst in dem neuen Regelkanon bekräftigt.

Verloren geht also mit der Letztfassung der Rechtschreibreform eine einheitliche Schreibweise der deutschen Sprache. Eine solche wird und kann es vorerst nicht mehr geben. Ob "sitzen bleiben"oder "sitzenbleiben", ob "Mayonnaise"oder "Majonäse": Das offizielle Regelwerk beschränkt sich künftig nicht mehr auf eine einzige Variante, sondern erlaubt, das ist neu, deren mehrere.

Boutique=Butike

Mitunter in Abhängigkeit von inhaltlichen Unterscheidungen - das Sitzenbleiben in der Schule zwingt nicht, auch auf dem Sessel sitzen zu bleiben - mitunter aber auch völlig frei: Ob der Kleiderkauf in einer Boutique oder doch in der Butike geschieht, das entscheidet, wie den Kauf selbst, der persönliche Geschmack - und die Kenntnis der französischen Wurzeln des Worts.

Was es zu lernen gilt, ist der sinnvolle Umgang mit der gewonnenen Freiheit - das gilt nicht zuletzt für die Schüler.

Ohnehin waren es nur die strittigsten Fälle der Rechtschreibreform von 1996, die der 36-köpfige Rat für deutsche Rechtschreibung, in dem Österreich mit 9 Mitgliedern vertreten war, nun korrigiert hat: Alle anderen Neuheiten traten bereits vor einem Jahr, am 1. August 2005, verbindlich in Kraft. Lediglich Fragen der Zusammen- und Getrenntschreibung, der Groß- und Kleinschreibung und der Beistrichsetzung wurden erneut modifiziert.

Wo aber erfahren reformwillige Staatsbürger und Eltern, wie die regelkonforme Schreibweise heute lautet? Aus den Wörterbüchern - in Österreich gilt das eben erschienene Österreichische Wörterbuch als vom Ministerium anerkannte Autorität - und auf den Internet-Seiten der zuständigen Institutionen (siehe Artikel unten). Ein Zustand, der in Deutschland bereits wieder für Verwirrung sorgt: Um die Einheitlichkeit der Schreibweise wie um eine verlorene Unschuld ringend, versah die Duden-Redaktion ihr eben erschienenes Wörterbuch bei Varianten mit gelb markierten Empfehlungen, Vorschlägen, an die sich zahlreiche deutsche Printmedien prompt zu halten versprachen. Dudens klare Linie hat nur einen Nachteil: Häufig widerspricht sie den neuesten Regeln - und damit dem, was an den Schulen gelehrt wird. Was die Frankfurter Allgemeine Zeitung, entschiedene Befürworterin der alten Rechtschreibung (siehe Artikel unten links), in ihrer Reformskepsis bestätigte. Die goldene Zeit, sie ist vorbei. Doch, und auch das wusste bereits Eleonore: "Die goldne Zeit, womit der Dichter uns zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war so wenig als sie ist." (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.7.2006)

  • Artikelbild
    foto: standard/corn
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