Reportage: "Wir konnten raus - Die meisten müssen in der Hölle bleiben"

30. Juli 2006, 10:26
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Der türkische Mittelmeerhafen Mersin ist neben Larnaka auf Zypern zur größten Anlaufstation für Flüchtlinge aus dem Libanon geworden

Wir sind keine Hisbollah. Wir sind Touristen, ich kann Ihnen noch unsere Flugtickets zeigen. Aber man hat uns ausgebombt. Die Dame aus Kanada ist immer noch außer sich vor Zorn. Ihre Tochter, die mit starrem Blick daneben steht, beginnt plötzlich zu weinen und kann gar nicht mehr aufhören. Sie ist psychisch und physisch am Ende. Ihre Mama macht unterdessen einen Vorschlag, wie man Israel effektiver zu einem Waffenstillstand bewegen kann: Alle finanzielle Unterstützung für Israel muss eingestellt werden. Kanada, die USA und Europa sollen kein Geld mehr geben. Erschöpft wendet sie sich ab und wird von einem Mitarbeiter des kanadischen Roten Kreuzes aus dem Hafenterminal zu einem bereitstehenden Bus geleitet.

Die Flüchtlinge, die im türkischen Mittelmeerhafen Mersin von Beirut aus ankommen, sind völlig fertig. Zwanzig Stunden, erzählen die kanadischen Flüchtlinge, hat die Fahrt auf einer relativ kleinen, völlig überlasteten Fähre gedauert, teilweise bei ziemlich rauer See. Tagelang hatten sie zuvor in Beirut gewartet, bevor sie auf ein Schiff kamen. Aber wir konnten wenigstens raus. Die meisten Libanesen müssen in der Hölle bleiben. Mersin, der türkische Hafen am nordöstlichen Rand des Mittelmeeres, ist nach Larnaka auf Zypern zum Hauptanlaufpunkt für Flüchtlinge aus dem Libanon geworden. Der Industriehafen ist eigentlich nicht für größere Passagierzahlen ausgelegt, aber die Hafenbehörden haben ein Terminal für Flüchtlinge komplett freigemacht und lassen auch Busse direkt an die Schiffe heranfahren.

Hilfseinsatz statt Urlaub

Wo sonst Frachter gelöscht werden, liegt jetzt der riesige französische Truppentransporter Mistral, auf dessen Vordeck noch die Kampfhubschrauber geparkt sind. Die Franzosen werden direkt zu Bussen geführt, mit denen sie gleich zum Flughafen in Adana ge_fahren werden. Heute Abend sind sie in Paris, erzählt ein französischer Arzt, selbst libanesischer Herkunft, der die Ankömmlinge betreut. Vor zwei Wochen habe ich noch Urlaub in Beirut gemacht, jetzt stehe ich hier als Flüchtlingsbetreuer.

Vor allem Kanada, Frankreich, die USA und Australien bringen ihre Leute nach Mersin, weil der kleine griechisch-zyprische Hafen Larnaka und auch der Flughafen in Nikosia völlig überlastet sind. Die meisten Flüchtlinge sind Libanesen, die ausgewandert sind, jetzt eine kanadische, australische oder andere westliche Staatsbürgerschaft haben und vom Krieg während eines Besuchs in ihrer alten Heimat überrascht wurden. Vor allem Kanada, Frankreich und Australien haben große libanesische Gemeinden. Nach vorsichtigen Schätzungen waren bei Kriegsausbruch rund 50.000 Franko-Libanesen, etwa gleich viele Kanadier und rund 25.000 Australo-Libanesen im Land.

Die australische Botschafterin ist mit einem ganzen Stab von Mitarbeitern nach Mersin gekommen, um den Rücktransport der Flücht_linge zu koordinieren. Die Evakuierung unserer Landsleute aus dem Libanon ist für Australien das größte Flüchtlingsdrama seit dem Zweiten Weltkrieg, sagt Botschafterin Jean Dunn. Sie ist voll des Lobes über die türkischen Behörden, die sehr hilfsbereit seien und alles machen würden, um den Transfer der Flüchtlinge zu unterstützen. Da alle Hotels in Mersin und der benachbarten Metropole Adana von Flüchtlingen ausgebucht sind, haben die Verwaltungen beider Städte Sporthallen und die Aufenthaltsräume von Universitäten zur kurzfristigen Unterbringung bereitgestellt.

Kizilay, der türkische Rote Halbmond, empfängt die Flüchtlinge mit Blumen, Essen und Getränken und stellt medizinische Erste Hilfe bereit. Izzet Yanyali, der die Aktionen von Kizilay am Hafen koordiniert, beklagt sich allerdings, dass sie über Ankunftszeiten und Anzahl von Flüchtlingsschiffen schlecht informiert seien. Oft kommen avisierte Schiffe mit zwölf Stunden Verspätung, oder es treffen Transporter ein, von denen wir gar nichts wussten.

Irrfahrten und Umwege

Botschafterin Dunn bestätigt, dass die Schiffe oft Irrfahrten hinter sich haben, weil sie von Israel gesperrte Gebiete umfahren müssen und unterwegs aufgetankt werden müssen. Andere Mitarbeiter der australischen Botschaft beklagen offen, dass die griechisch-zyprische Regierung – wiewohl ihr Hafen völlig überlastet ist – verhindert, dass Flüchtlingstransporter den türkischen nordzyprischen Hafen Famagusta anlaufen, weil sie fürchten, das würde die international nicht anerkannte Republik Nordzypern aufwerten. Aus Sicht der Flüchtlinge ein Unding, heißt es hinter vorgehaltener Hand bei den Botschaften. (Jürgen Gottschlich aus Mersin, DER STANDARD, Print, 29./30.7.2006)

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    Vorerst in Sicherheit: türkische Libanon-Flüchtlinge bei der Fähre Iskenderun kurz vor dem Ablegen aus Beirut.

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