Handfeste Hoffnung auf Neubeginn in der Depressionstherapie

30. Juli 2006, 13:00
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Münchner Forscher sprechen von Durchbruch in Depressionsforschung: Genetische Ursache für verschiedene Erkrankungsformen identifiziert

München - Forschern des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie ist ein Durchbruch für eine neue, schneller wirkende Generation von Antidepressiva gelungen. Gemeinsam mit kanadischen Wissenschaftern fanden sie heraus, dass bei vererbbaren Depressionsformen die gleiche Veränderung eines bestimmten Genes vorliegt. Damit ist die Basis für die Entwicklung neuer Medikamente gelegt, da das Gen einen idealen direkten Ansatzpunkt für Wirkstoffe bietet. Die Arzneimittel könnten künftig schneller und mit weniger Nebeneffekten wirken.

Gleiche Veränderung im P2RX7-Gen

Etwa fünf bis zwölf Prozent der Männer und zehn bis 25 Prozent der Frauen machen Schätzungen zufolge mindestens ein Mal im Leben eine schwere Depression durch. Die Forscher fanden bei zwei Studien in Deutschland und Kanada heraus, dass von mehr als 1.200 untersuchten Depressions-Patienten rund 30 Prozent die gleiche Veränderung im P2RX7-Gen aufwiesen. Überraschend lag dabei ein und dieselbe genetische Grundlage sowohl bei Patienten mit manischer als auch mit einfacher Depression vor. Bisher waren die Mediziner davon ausgegangen, dass beide zum Teil vererbbaren Formen unterschiedliche genetische Ursachen haben müssten.

Neubeginn in der Depressionstherapie

Als glücklichen Umstand werteten die Mediziner, dass das P2RX7-Gen wegen seiner Eigenschaft als Membrankomponente für Nervenzellen einen idealen Angriffspunkt für künftige Antidepressiva bieten könne. "Die Möglichkeit, genetisch bedingte Funktionsänderungen in Nervenzellen gezielt durch Medikamente korrigieren zu können, ist ein Neubeginn in der Depressionstherapie", schwärmte der Leiter des Max-Planck-Instituts, Florian Holsboer.

"Wir haben dank der humangenetischen Befunde einen völlig neuartigen Wirkmechanismus für die nächste Generation der Antidepressiva entdeckt", sagte der Professor. Die neue Medikamentengeneration werde "vor allem schneller klinisch wirksam sein als die jetzt verfügbaren Medikamente".

Nach einer Woche soll Wirkung einsetzen

Nach Angaben des Instituts entfaltet ein Teil der bisher klinisch eingesetzten Antidepressiva erst nach fünf Wochen ihre Wirkung. "Wir hoffen, dass neue Medikamente dagegen nicht einmal eine Woche brauchen werden", sagte Institutssprecherin Barbara Meyer. Bei manchen heute eingesetzten erfolgreichen Antidepressiva sei die genaue Wirkweise im Körper nicht restlos geklärt. "Diese Medikamente laufen mit einer ganzen Kaskade von Wirkungen, an deren Ende es den Patienten oft besser geht - allerdings bei einem großen Potenzial von Nebenwirkungen", erklärte Meyer. Die Grundlagenforschung des Instituts ermögliche nun einen Durchbruch für die Arzneimittelforschung.

Wann neue Medikamente zur Verfügung stehen könnten, sei jedoch völlig offen. "Das kann fünf oder zehn Jahre dauern, oder länger", sagte Meyer. Sie betonte zugleich, dass die festgestellte genetische Ursache nur einen Teil der Depressionserkrankungen betreffe, die ohnehin oft von einem komplexen Krankheitsbild gekennzeichnet seien.

Unterscheidung

Die deutschen und kanadischen Forscherteams untersuchten so genannte unipolare und bipolare Depressionen. Bei Patienten mit unipolaren Depressionen wechseln sich Symptome von Traurigkeit und Schwermut mit normalen Zeiten ab. Patienten mit bipolarer Depression erleben dagegen zusätzlich manische Phasen - mit stark erhöhter freudiger Erregung bis zu Größenideen und Verschwendungssucht.

Seit langem war bekannt, dass beide Formen zwar erblich sind, die genaue Ursache war jedoch unklar. Bei bipolarer, manischer Depression geht man von einer Vererbung in 83 bis 93 Prozent der Fälle aus; bei einfacher unipolarer Depression schwanken die Annahmen zwischen 34 und 75 Prozent.

Die Forscher fanden bei Untersuchung der Gene von 1.000 deutschen und 213 kanadischen Patienten heraus, dass bei beiden Depressionstypen in einem Drittel der Fälle eine Variation im P2RX7 Gen vorliegt. Das Risiko, an einer unipolaren Depression zu erkranken, erhöhe sich um 40 Prozent, wenn der abweichende Genotyp vorhanden sei. Die gefundene Genvariation verändere einen Rezeptor an der Schnittstelle zu anderen Zellen. Dies beeinflusse mit hoher Wahrscheinlichkeit die Interaktionen der Zellen und damit die Signalübertragung im Gehirn, erklärten die Wissenschaftler. (APA/AP)

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