Frauenwirtschaft - El Maestro Sierra

30. Juli 2006, 17:30
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Machen Frauen besseren Wein, im Speziellen besseren Sherry? Nach einem Besuch bei El Maestro Sierra ist man versucht, diese Frage mit einem eindeutigem Ja zu beantworten. Ein Portrait in Teil 22

Die 1830 gegründete und kurze Zeit danach von José Antonio Sierra (ein begnadeter Fassmacher, der unter dem Namen El Maestro Sierra bekannt war) erworbene Bodega befindet sich in der Nähe des geschichtsträchtigen Alcazars von Jerez an der Plaza de Silos, Nummer 5. Die sich noch immer im Familienbesitz befindliche Bodega wird de facto ausschließlich von Damen (im wahrsten Sinne des Wortes) geleitet und auch die Mehrheit der Angestellten ist weiblichen Geschlechts – an sich ja nicht der Rede wert, aber in der ansonsten Macho-männerdominierten Welt des Sherries darf dieses Unikum nicht unerwähnt bleiben.

Einst Almacenista

Ursprünglich ein reiner Almacenista Betrieb (für González Byass, Domecq und Lustau) begannen die umtriebigen Damen schließlich 1992 ihren Wein unter dem eigenen Label „El Maestro Sierra“ zu vermarkten.

Im Nachhinein muss man als Konsument ja eigentlich dankbar sein für die Sherrykrise Ende vorigen Jahrhunderts – gäbe es doch sonst viele dieser wunderbaren Weine nicht auf dem Markt (siehe Teil 9 der Sherry Serie Senkung der notwendigen Mindestbestandsmenge von 12.500 hl auf 500 hl).

Auch auf die Gefahr hin mich ein wenig zu verzetteln: Sollten Sie jemals Jerez besuchen und nur Zeit für einige wenige Bodegabesuche haben, versuchen Sie unbedingt bei Doña Pilar Plá, der Grande Dame des Sherry, und ihrer reizenden Tochter María del Carmen Borrego Plá (unter anderem Autorin der beiden äußerst interessanten Bücher El Jerez – Hacedor de Cultura I + II) einen Termin zu bekommen – Sie werden es nicht bereuen (wegen der beiden selbst und vor allem auch wegen ihrer Weine) und mit etwas Glück erzählen sie ihnen auch von ihren Urlaubsabenteuern in Österreich...

Was macht nun diese Bodega mit ihren rund 1.500 Fässern so besonders?

Zeit und Tradition

Den Most kaufen sie wie viele von der örtlichen Kooperative, doch was dann passiert, hebt die Bodega von vielen anderen ab. Entgegen dem Trend, die Weine immer schneller unters trinkende Volk zu bringen – auch in Jerez, abgesehen vom parallelen Trend der V.O.S und V.O.R.S Weine, scheint Zeit (die die Weine benötigen, um zu dem zu werden, was sie sind und sein sollen) hier keine, oder nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Jeder Wein bekommt hier die Zeit zugestanden, die er benötigt, um seine Komplexität zu entwickeln.

Entgegen dem Trend zu High-Tech und Automatisierung erfolgt hier auch noch alles von Hand – sicherlich auch aus wirtschaftlichen Gründen, würde sich die Investition in diverse Gerätschaften aufgrund der Größe der Bodega mit ziemlicher Sicherheit nicht rechnen – eine Arbeitsweise und Liebe zu den Weinen (unter dem Motto: „Man füttert sein Kind ja auch nicht mit einer Maschine“), die letztlich im fertigen Produkt, das weit entfernt vom Mainstream ist, spürbar ist.

Wenig Filtration

Und entgegen dem allgemeinen Filtrationswahn vieler anderer Bodegas (wobei hier letztlich der Konsument großteils selbst daran Schuld ist, indem er natürlich farbige Finos und Manzanillas mit Ecken und Kanten großteils ablehnt), werden die Weine nur sehr sanft gefiltert, was den Weinen wesentlich mehr von ihrer ursprünglichen Persönlichkeit im Fass lässt.

Die Weine im Detail

Generell muss ich sagen, dass ich seit langem nicht von einer gesamten Serie eines Hauses dermaßen überzeugt war wie hier (auf die Schnelle fallen mir nur Bodegas Tradicion und Gutierrez Colosia ein – Portraits über die beiden folgen in Kürze)– selbst der Cream, ein von mir an sich ungeliebtes Kind machte mir hier Spaß.

  • Fino
    sehr frische, saubere Nase, Apfel, etwas Jod, am Gaumen sehr cremig, Mandel, wunderbare Harmonie, salzige Aromen kommen sehr schön durch und bleiben lange stehen

  • Amontillado
    (12 Jahre, davon 5 unter Flor): viel Haselnuss, sehr salzige Noten, punziert, am Gaumen staubtrocken mit viel grüner Nuss, nach und nach dominiert wieder Haselnuss, perfekte Balance zwischen Nuss und Salzaromen, sehr sehr lange

  • Oloroso (15 Jahre)
    Breite, horizontale Nase, Nuss pur, unterlegt mit etwas Mokka, leicht süßlicher Eindruck, geht am Gaumen extrem auf, Glyzerin verstärkt süßliche Aromatik, langes, nussdominiertes Finale

  • Amoroso
    PX in der Nase kaum wahrnehmbar, wirkt noch etwas breiter, am Gaumen PX eindeutig, ordnet sich aber dem Oloroso unter und verleiht ihm einen Extrakick, erinnert an extrastarken Cafe solo mit einer Prise Zucker, nach und nach viel Nussaromen

  • Cream
    In der Nase etwas traubiger Eindruck, PX deutlich erkennbar, aber auch hier dominieren letztlich die nussigen Aromen, wieder viel Kaffee – kann ich mir gut zu Gänseleber vorstellen, erster Cream seit langem, den ich mir freiwillig kaufen würde

  • Pedro Ximenez
    Rosinen pur, aber sehr fein ziseliert, viel Schoko, wird aber niemals „pickig“, etwas Honig, Malz, vielschichtige Kräuternoten, hinterlässt am Ende einen fast erfrischenden Eindruck am Gaumen

    Weine aus einer anderen Welt und Zeit – Los Vinos Viejos

    Zugegegeben, diese Meditationsweine sind aufgrund ihres teilweise doch sehr hohen Alkoholgehaltes bei den derzeit vorherrschenden Temperaturen nicht gerade leichte Kost, doch der nächste Winter kommt bestimmt!

  • Amontillado 1830
    In der Nase sehr jugendlicher Eindruck, Flor noch immer präsent, würzige Noten, auch am Gaumen sehr frisch, vielschichtige Mineralik, Haselnuss pur, sehr konzentriert und intensiv, bleibt endlos am Gaumen

  • Oloroso 1/14
    Extrem dichte Nase, feine Süße, etwas Brandy, Kakao, Mokka, kräftige Säure, explodiert am Gaumen, wieder Kakao, Mokka, viel Nuss, ewig

  • Oloroso 1/7
    In der Nase etwas stechend (24%!!), Brandynoten, sehr würziger Eindruck, unglaubliche Geschmacksexplosion am Gaumen, hört nicht mehr auf, Nuss, Mokka pur, extrem konzentriert, schier endlos

  • PX
    In der Nase konzentrierter Traubensirup, Trinkschoko, Kräuter, aber sehr fein strukturiert, etwas Minze, am Gaumen betonte aber nicht vordergründige Süße, füllt den Gaumen und bleibt stehen
    (Klaus Hackl)
  • Bodegas Maestro Sierra
    Plaza de Silos, 5 -11403 Jerez
    Telefon: 956342433
    Fax: 956342433
    www.maestrosierra.com

    Bezugsquelle:
    www.al-andalus.at
    • Artikelbild
      foto: el maestro sierra
    • Die Highlights der Bodega.
      foto: el maestro sierra

      Die Highlights der Bodega.

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