"Verzieh dich, ich bin schwanger!"

24. August 2006, 12:43
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Das Debütalbum "Alright, Still ..." der Londonerin Lily Allen erfreut mit poppig-fröhlichem, aber auch goschertem Reggae-Pop

Wie man es auch betrachtet: "Alright, Still ..." ist ein Sommeralbum. Schnöde sachlich unterstreicht das sein Erscheinungstermin mitten im Juli. Gefühlsmäßig lassen die flockigen Reggae-Pop-Songs dieser gerade einmal 21-jährigen Britin gar keine andere Interpretation zu: erstens, weil es beim Verfassen dieser Zeilen mindestens so heiß ist, wie beim Versuch der Musikindustrie, diese neue Kartoffel in ihrem Feuerchen zu verkaufen. Das bedeutet - zweitens - natürlich auch, dass die Drinks entsprechend "long" und voll klirrender "icecubes" sind, und das widerspiegelt prächtig die stellenweise mit Easy Listening kokettierenden Belanglosigkeiten, die sich auf dem Album befinden und die so gar nichts mit der kolportierten "Antwort auf M.I.A. und Mike Skinner von The Streets" zu tun haben. Das ist bloß heiße Luft. Ebenso die Versuche, Lily Allen als "erstes Postergirl der My-Space-Generation" zu vermarkten, bloß weil man in der Musikindustrie jetzt langsam zu googlen lernt und Lily Allen schon vor ihrem ersten Major-Album eine gestandene Fan-Community über das Netz mit ihrer Musik versorgte.

Mit dem Ex-Lover abrechnet

Auch ohne diese "Verkaufsargumente", wie das im branchenüblichen Fachsprech genannt wird, transportiert "Alright, Still ..." vorzüglich ein urbanes Lebensgefühl im Sommer. Schon der Opener "Smile" erfreut das Publikum mit einem beschwingt abgefederten Reggae-Rhythmus, über dem Allen mit ihrer kindlich-netten Stimme mit einem Ex-Lover abrechnet: "At first when I see you cry, yeah, it makes me smile, yeah it makes me smile." Plötzlich Gewissensbisse: "At worst I feel bad for a while" - aber nur kurz! - "But then I just smile, I go ahead and smile." Dann kommen im Booklet, in dem die Texte abgedruckt sind, geschätzte drei Zentimeter "lalalalalalalalala", und man kann sich richtiggehend vorstellen, wie Allen ihrem Ex dazu den Stinkefinger zeigt. Keine Angst, der Typ verdient es. Untreue, Sie verstehen. Song zwei heißt dann kampflustig "Knock 'Em Out" und befasst sich inhaltlich ebenfalls mit dem Thema Jungs und damit, wie Lily lästige Typen abwimmelt, die unbedingt ihre "Digits", also ihre Telefonnummer haben wollen. "Actually I'm pregnant", lügt sie einer brunftigen Nervensäge vor, und weil das auch nichts hilft, droht sie gar mit Herpes und Syphilis, um endlich in Ruhe gelassen zu werden.

Alltagsbeobachtungen, eloquent und goscherte

Dass unterstreicht Allen mit mürrischen Breakbeats, die den rollenden New-Orleans-Boogie eines Professor Longhair nachstellen, dessen Kunst hier zweifellos als Vorlage gedient hat. Ein Stück wie "Knock 'Em Out" ist es auch, das oben erwähnten Mike Skinner ins Assoziationsspiel gebracht hat. Wie dieser übersetzt Allen Alltagsbeobachtungen eloquent und mit goscherter Direktheit in ihre Songs. Formal ist Allen jedoch braver als Bad Boy Skinner, mit den explizit politischen Stücken der ebenfalls im Grime-Fach stehenden M.I.A. hat sie gar nichts gemein. Dazu braucht man nur "LDN" zu hören. Das ist Allens Liebeserklärung an London und erinnert an die sympathischen Dreikäsehochs von Musical Youth - diese britische Kinder-Combo, die mit "Pass The Dutchie" einen Hit einfuhr. Nett. Das bleibt so. Eine Harmlosigkeit, die in der Folge zwischen Pizzicato Five ("Everything's Just Wonderful") und den immer wieder auftauchenden Einflüssen der Specials pendelt. Jemand will irgendwo sogar den Anfang von "Michelle" von den Beatles erkannt haben.

Davon will die Tochter des Komikers Keith Allen nichts wissen. Die Aufmüpfige, die oftmals unfreiwillig die Schule wechseln musste, führt ihre musikalische Prägung auf Punk-, Ska- und Rockplatten zurück, die sie zu Hause gehört hat - T. Rex nicht zu vergessen. Und die frühe Kate Bush. Und die Slits! Gibt Schlechteres, oder? (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7. 2006)

  • Das Debütalbum "Alright, Still ..." der Londonerin Lily Allen erfreut mit poppig-fröhlichem, aber auch goschertem Reggae-Pop. Die Drinks sind "long", die Eiswürfel scheppern im Glas. Wohlsein!
    foto: standard/emi
    Das Debütalbum "Alright, Still ..." der Londonerin Lily Allen erfreut mit poppig-fröhlichem, aber auch goschertem Reggae-Pop. Die Drinks sind "long", die Eiswürfel scheppern im Glas. Wohlsein!
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