Aus der Suchtspirale zurück ins Leben

30. Juli 2006, 20:20
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Der steirische Verein Ubuntu begleitet in einem Bauernhaus junge Menschen mit Suchtproblemen zurück in den Alltag

Graz/Voitsberg – „Mir taugt’s voll, wenn ich am Abend vor dem Haus sitz, auf den frisch gemähten Rasen schau, auf den Griller, den ich selbst aufzementiert hab, und dann bei einem kalten Cola mit einem Freund über mein Leben red.“ Der 26-jährige Roland hat sein Leben zurück, und er weiß, was es heißt, kein Leben mehr zu haben, denn er war ab 15 heroinabhängig.

Familie gefunden

So genannte Freundschaften waren nur Zweckgemeinschaften in der Abhängigkeit: „Dort wo wir herkommen, gibt es keine Freunde“, sagt Roland mit einem Blick auf seinen Freund, den 22-jährigen Peter, der eine ähnliche Geschichte hinter sich hat. Heute sind beide nicht nur seit Monaten clean, sie glauben auch, dass sie es diesmal bleiben werden, denn sie haben so etwas wie eine Familie gefunden. Du brauchst jemanden, der „immer ohne Wenn und Aber hinter dir steht“, drückt es Michaela Halper aus. Sie weiß, dass klassische Drogenentzugsprogramme eben das nicht leisten.

Gemeinsam mit Petra Orville gründete Halper vor mehr als einem Jahr Ubuntu, eine „Gemeinschaftswohnform zur Integration für Menschen mit Anpassungsproblemen und/oder Persönlichkeitsstörungen“. Die Idee für den Verein, der mit Unterstützung von Landesgeldern Menschen zwischen 18 und 30 mit Suchtproblemen (auch Esssucht und Alkoholkrankheit) betreut, hatten sie bei ihrer Tätigkeit im Vinzitel in Graz, wo Obdachlose vorübergehend Unterschlupf bekommen.

Hoffnung geben

„Damals haben wir immer wieder erlebt, wie junge Leute gekommen sind, einen Entzug probiert haben, und kurz danach wieder da waren.“ Die hoffnungslose Spirale, die für Halper und Orville auch mit dem „verantwortungslosen Umgang von Ärzten mit Substituten“ zu tun habe, koste den Menschen Zeit und dem System Geld. Theoretisch lag die Lösung in einem afrikanischen Strafrechtsbegriff, den das Zulu-Wort „Ubuntu“ beschreibt. Wer einem anderen etwas stiehlt, bekommt von der Gemeinschaft die Möglichkeit, es aus eigener Arbeitskraft zu erwirtschaften und dem Geschädigten zurückzuzahlen.

Praktisch sah das für Menschen wie Peter und Roland, so aus, dass sie gemeinsam mit zwölf anderen Betroffenen zwei Jahre lang in einem Bauernhaus in Voitsberg leben dürfen, an dem sie selbst mitgebaut haben. Sechs Betreuer sind abwechselnd 24 Stunden vor Ort, um den jungen Leuten beim Entzug und bei der Rückkehr in die Arbeitswelt zu helfen. Doch vorgeschrieben wird einem hier nichts, die Leute bewegen sich frei und sind im Ort bereits über Fußballspielen und das örtliche Fitnesscenter integriert. Auch Nachbarn kommen zu Besuch.

Anfragen

Die Erfolgsstory sorgt bereits für grenzüberschreitende Anfragen, wie Halper erzählt: „Österreichweit ist die Methodik einzigartig und auch international haben wir erst fünf Partnereinrichtungen.“ (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 28.07.2006)

  • Neben der täglichen Hausarbeit geht man auch gemeinsam Langzeitprojekte wie die Bepflanzung des Gartens und den Bau eines Grillers an: Lauter Schritte zurück ins Leben
    foto: ubuntu

    Neben der täglichen Hausarbeit geht man auch gemeinsam Langzeitprojekte wie die Bepflanzung des Gartens und den Bau eines Grillers an: Lauter Schritte zurück ins Leben

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