Kämpferisch und verbal unerschrocken war Glos in der Opposition. Nun droht der Stuhl des Wirtschaftsministers zu wackeln
Im offiziellen Terminkalender von Angela Merkel war das für Donnerstagabend geplante Treffen nicht notiert. Es sind ja auch keine besonders angenehmen Themen, die die deutsche Kanzlerin mit CSU-Chef Edmund Stoiber in diesem Sommer zu besprechen hat. Die Umfragewerte für die große Koalition sind dürftig und das Verhältnis der Koalitionäre ist ebenfalls merklich abgekühlt.
Und dann hat Merkel auch noch einen "Problembären"im Kabinett sitzen: Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU). "Glos tapst orientierungslos durch die politische Landschaft. Da drängt sich der Vergleich zum anderen Problembären Bruno auf", höhnte FDP-Vize Rainer Brüderle vor Wochen und seither wird der kernige Bayer diesen Spitznamen nicht mehr los.
Kämpferisch und verbal unerschrocken war Glos in der Opposition, als er die CDU-Landesgruppe im Bundestag anführte. Doch seit ihn Merkel als Wirtschaftsminister in ihr Kabinett holte, wirkt er kraft- und ideenlos. Vergeblich hoffte die Union bis jetzt auf ein klares Wirtschaftskonzept à la Ludwig Erhard. Man könne sich nicht sicher sein, ob er sein Amt als Minister überhaupt schon angetreten habe, spottete auch die Zeit. Das schmerzt CDU und CSU, zumal sie sich sehr um ihr Profil in der großen Koalition sorgen und zwei starke rote Minister (Peer Steinbrück / Finanzen, Franz Müntefering / Arbeit) Glos oft die Show stehlen.
In Berlin kursiert daher folgendes Gerücht: Glos, der als Wirtschaftsminister nur eingesprungen ist, weil Stoiber bei der Kabinettsbildung im Herbst 2005 plötzlich nicht mehr wollte, bekommt seinen Wunschposten als Verteidigungsminister. Der jetzige Ressort-Chef Franz Josef Jung (CDU) wird Ministerpräsident in Hessen, dafür wechselt Roland Koch (CDU) nach Berlin ins Wirtschaftsministerium. Dann, heißt es in Berlin, wäre Koch auch dem Ort näher, der sein eigentliches Ziel ist: dem Kanzleramt. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Print, 28.7.2006)