Drusenführer Joumblat im Interview: "Dieser Kerl in Damaskus ist gefährlich"

27. Juli 2006, 17:40
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Der libanesische Drusenführer Walid Joumblat glaubt, dass die Syrer über die Hisbollah den Krieg angezettelt haben

STANDARD: Sie hatten Gelegenheit, Condoleezza Rice zu treffen, als sie in Beirut war. Was haben Sie besprochen?

Joumblat: Der Libanon kann nur stabilisiert werden, wenn es nur eine einzige, staatliche Autorität gibt, die das gesamte Territorium kontrolliert, insbesondere den Süden und auch für die gesamten Waffen verantwortlich ist.

STANDARD: Haben Sie versucht, Condoleezza Rice zu einem sofortigen Waffenstillstand zu bewegen?

Joumblat: Wir sind den USA dafür dankbar, dass sie uns nach der Ermordung von Rafik Hariri geholfen haben, die Syrer aus dem Land zu bekommen. Jetzt schlagen die Syrer zurück, indem sie über die Hisbollah einen Krieg angezettelt haben, um einer Anklage vor einem internationalen Gericht für den Hariri-Mord zu entgehen. Dann gibt es noch das Regime in Teheran, das den Libanon zu ihrem Schlachtfeld macht, um von ihrem atomaren Programm für einige Zeit abzulenken. Deshalb hängen wir von der Unterstützung der USA und des gesamten Westens ab, um den Libanon zu stabilisieren.

STANDARD: Also kein Waffenstillstand in Sicht?

Joumblat: Wir haben nur über eine Stärkung der Bewegung "14. März" und der "Zedernrevolution" gesprochen und wie wir die staatliche Autorität im Libanon wieder herstellen können. Wie das gemacht wird, entscheidet Premierminister Fuad Siniora. Er verhandelt in unserem Namen.

STANDARD: Kann Syrien eine Rolle bei der Beilegung des Konflikts spielen?

Joumblat: Die Syrer spielen nur eine negative Rolle. Dank Damaskus gibt es diese riesigen Raketenvorräte aus dem Iran in unserem Land, das dadurch zerstört wird. Standard: Syrien könnte doch auf diplomatischem Weg Einfluss auf die Verhandlungen mit der Hisbollah nehmen.

Joumblat: Syrien ist ein sehr gefährlicher Bündnispartner, der in einer Linie mit dem Iran und der Hisbollah steht und zum Schaden der Demokratie und Unabhängigkeit des Libanons ist. Standard: Aber kann es denn ohne syrische Beteiligung eine diplomatische Lösung geben? Joumblat: Jemand aus der internationalen politischen Szene sollte Syrien davor warnen, sich nicht weiter in die libanesischen Angelegenheiten einzumischen. So lange das gegenwärtige Regime in Damaskus an der Macht ist, wird es für Monate keinen Waffenstillstand und keine Stabilität für den Libanon geben. Dieser Kerl in Damaskus ist gefährlich, nicht nur für den Libanon, sondern auch für den Irak und den ganzen Mittleren Osten. Die Syrer wollen ja nur erneut in den Libanon zurück.

STANDARD: Verhandeln Sie mit der Hisbollah über die Waffenstillstandsbedingungen?

Joumblat: Wir verhandeln über den Parlamentspräsidenten Nabih Berri direkt mit der Hisbollah. Wir wollen wissen, wohin dieser ganze Krieg führen soll. Wir haben nicht zugestimmt, dass Hassan Nasrallah im Namen des libanesischen Volkes und der gesamten islamischen „Ummah“ den Krieg gegen Israel erklärt. Er hat es selbst gesagt, er nimmt dabei keine Rücksicht auf andere Meinungen. Das ist doch ein klarer Verstoß gegen alle Regeln der Demokratie.

STANDARD: Wie kann es zu einem baldigen Waffenstillstand kommen?

Joumblat: Da müssen Sie Premierminister Siniora fragen, nicht mich. Der Besuch von Condoleezza Rice war für uns eine politische und moralische Unterstützung. Ein bedingungsloser Waffenstillstand führt zu gar nichts.

STANDARD: Geht der Krieg also auf unabsehbare Zeit weiter?

Joumblat: Das hoffe ich nicht. Wenn die Zerstörung des Landes zunimmt, wird es noch mehr Flüchtlinge geben und die Ökonomie ist dann total am Ende. Ein Waffenstillstand muss auf stabilen Füssen stehen. Ganz Libanon muss den Libanesen gehören und Hassan Nasrallah muss seine Aktionen stoppen. (DER STANDARD, Print, 28.7.2006)

Die Fragen stellte Alfred Hackensberger.
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    Zur Person:

    Walid Joumblat (56) ist Führer der Sozialistischen Fortschritts-Partei und der einflussreichste Führer der Drusen im Libanon.

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