Terror, Tugend, Figaro

27. Juli 2006, 18:09
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Turrinis "Der tollste Tag" in Bregenz

Bregenz – Auf der leeren Bühne steht ein verhängter Kubus, plötzlich klappt der Kasten auf, alle zwölf Schauspieler schrecken daraus hervor, und die Komödie Der Tollste Tag von Peter Turrini nimmt ihren rasanten Lauf. Es sei eine Pawlatschen-Komödie, wird Turrini, bei der Premiere auf dem Bregenzer Martinsplatz anwesend, nach der Vorstellung sagen. Ein derbes Stück Freiluft-Volkstheater mit grellen Charakteren, gespickt mit Witz und Ironie, mit Obszönitäten, mit Anspielungen auf die Gegenwartspolitik (ÖGB).

In der letzten Szene allerdings wird das Publikum still, da schlägt der Schmäh um in eine Tragödie von mythischer Tiefe, in eine „Pawlatschen-Tragödie“ (Turrini) mit Mord, Verzweiflung, Irrsinn. Es inszenierte Michael Scheidl (Ausstattung: Nora Scheidl). Wie kaum eine große Sommertheaterproduktion der Bregenzer Festspiele zuvor harmoniert ihre Arbeit herrlich mit dem romantischen Ambiente des Altstadtplatzes.

Auch wenn das Stück betont leicht herüberkommt – bei knapp 30 Grad Hitze leisten die Schauspieler unter Dutzenden Scheinwerfern Schwerarbeit.

Turrini schrieb sein Stück 1972 frei nach Baumarchais’ Ein Toller Tag. Der Graf Almaviva (Nikolaus Kinsky) möchte bei der Dienerin Susanne (Kristina Bangert) am Tag ihrer Hochzeit mit Figaro (Heinz Weixelbraun) das Jus primae Noctis wahrnehmen. Die beiden versuchen, unterstützt von der Gräfin Almaviva (Doina Weber) und dem ewig geilen Cherubin (Marin Andreas Greif), das plump-lüsterne Ansinnen mit Intrigen zu hintertreiben. Dagegen bietet der Graf alles auf, was einem Potentaten an Machtmitteln zur Verfügung steht. Er setzt den Spitzel Bazillus ein (hervorragend: Burghard Braun), lässt Dokumente fälschen und besticht den Richter Bartholo (Mario Plaz).

Höhe- und Wendepunkt ist eine Farce von Gerichtsverhandlung, in der sich Figaro zwar bravourös verteidigt, aber dennoch schuldig gesprochen wird. Als der Graf sich Susanne unterwerfen möchte, wird er von Figaro erdrosselt.

Das Liebespaar ergreift die Flucht, und die Gräfin driftet (auf höchstem Niveau) in den Wahnsinn ab. Der Graf wird bloßgestellt, weil Figaro ihm die Wahrheit ins Gesicht lacht. Nur versagt der Witz: Figaro muss gewalttätig werden. (Michael Heinzel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7.2006)

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