Ab in die Wanne

26. Juli 2007, 12:27
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Die Wirkung von Thermalwasser auf den Körper und welche Krankheiten damit therapiert werden können - Kurarzt Walter Loos im derStandard.at-Interview

derStandard.at: Was versteht man unter Thermalwasser?

Loos: Thermalwasser würde nur die Wärme bezeichnen. Wir sprechen von so genannten Heilwässern, die verschiedene natürliche Stoffe beinhalten. Wichtige Inhaltsstoffe sind zum Beispiel Salz, Schwefel, Jodsole (jodhältiges Salz), Radon oder Kohlensäure. Nach dem Inhalt richtet sich dann auch ein spezifischer Effekt bei der Behandlung von Erkrankungen. Die Inhaltsstoffe sind natürlich im Wasser vorhanden, das einzige, was manchmal zugesetzt wird ist die Kohlensäure.

derStandard.at: Wie wirkt schwefelhältiges Heilwasser auf den Körper?

Loos: Bei Schwefel und Radon entsteht der Effekt durch das Baden, durch den Aufenthalt im Wasser. Sowohl im ruhigen Bad, aber auch durch Bewegungsbäder, bei denen man Gymnastik im Wasser macht. Der Schwefel hilft besonders bei Arthrose und dem degenerativen Rheumatismus. Er ist schmerzlindernd, entzündungshemmend, bewegungsfördernd und wirkt auf die Gelenke und Wirbelgelenke.

derStandard.at: Was hat es mit radonhältigem Thermalwasser auf sich?

Loos: Radon ist ein Paradekurmittel bei rheumatischen Erkrankungen und in besonderer Weise bei Morbus Bechterew. Das ist eine Sonderform der rheumatischen Erkrankung der Wirbelsäule, die letzten Endes zu einer Versteifung führt. Da hat sich Gastein mit dem Bad und vor allem auch mit dem Aufenthalt im Stollen international einen Namen gemacht. Radon wirkt dabei entzündungshemmend, schmerzlindernd und bremst neuerliche Schübe.

derStandard.at: Welche Effekte hat Jod?

Loos: Die Jodsole hat sehr viele Effekte: durchblutungsfördernd, blutdrucksenkend, antithrombotisch, wirkt gegen Venenstörungen nach einer Thrombose, die Fließeigenschaft des Blutes wird verbessert. Positiv ist es auch für das Bindegewebe, für die Haut mit einer so genannten Anti-Aging-Wirkung. Natürlich darf man Jod nicht wahllos geben - die Schilddrüse darf nicht überfordert werden. Es gibt auch Kontraindikationen, die Jodtherapie ist verschreibungspflichtig.

Verschieden Augenerkrankungen werden erfolgreich mit Jod behandelt. In Bad Hall setzt man die Jodbehandlung auch wissenschaftlich dokumentiert beim so genannten "trockenen Auge" (Siccasyndrom) ein, einer Benetzungsstörung der Augen. Das ist eine zunehmende Erkrankung unserer Zeit, verursacht durch Stress, UV-Licht, Rauchen, PC-Arbeit oder Klimaanlagen.

derStandard.at: Warum wirkt hier gerade Jod?

Loos: Jod ist ein gutes Antioxidanz, die antioxidative Wirkung der Tränen wird verbessert. Diese spezielle Behandlung, Jodid-Iontophorese genannt, ist in Bad Hall erfunden worden. Die positive Wirkung der Behandlung hält bis zu neun Monate an. Beim Augenhintergrund tritt die so genannte altersassoziierte Makulopathie (krankhafte Veränderung des Netzhautzentrums) auf, eine degenerative Störung, die auch mit Durchblutungsstörungen in Verbindung steht. Auch hier wird mit Jod therapiert.

derStandard.at: Wie kann man sich den Behandlungsvorgang bei den Augenerkrankungen vorstellen?

Loos: Ein elektrisches Feld wird angelegt und das Jod wandert als Jodidion, als elektrisch geladenes Teilchen, ins Auge, wo eine relativ hohe Jodidkonzentration erzeugt werden kann. Man macht dabei ein Augenbad mittels einer Schale. Eine zweite Variante ist die Besprühungen mit der Jodsole. Die dritte relativ neue Behandlung, ist die Fettbesprühung für das trockene Auge, denn die äußerste Schicht der Träne besteht aus Fett, damit das Wasser nicht so schnell verdunstet. Durch die Besprühung wird eine Minifettschicht erzeugt.

derStandard.at: Wie wirkt die Kohlensäure auf den Körper?

Loos: Die Kohlensäure ist ein Paradeheilmittel gegen Durchblutungsstörungen, egal wo diese sind, sei es im Gehirn nach einem Schlaganfall oder zur Vorbeugung. Auch bei peripheren Durchblutungsstörungen zum Beispiel beim so genannten "Raucherbein" ist Kohlendioxid gut zur Behandlung. Wirksam ist es auch bei der Behandlung von Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße, also nach einem Herzinfarkt oder zur Vorbeugung des Herzinfarkts. Die Behandlung erfolgt über das Bad in der Wanne, aber es gibt auch die Trockengasbehandlung.

derStandard.at: Wie nimmt man die Wirkstoffe auf?

Loos: Durch die Haut und die Schleimhaut, wobei in der Badewanne mehr durch das Einatmen aufgenommen wird. Das ist auch bei Schwefel und Radon so. Die gesunde Haut ist eine sehr gute Barriere. Beim Kohlendioxid ist der Hauteffekt stärker, die Gefäßerweiterung ist dabei am größten.

derStandard.at: Man unterscheidet zwischen Sofortwirkungen und Wirkungen, die erst nach längerem Kuraufenthalt erzielt werden.

Loos: Wir haben eine Erholungs- und Antistresswirkung auch nach einem kürzeren Badaufenthalt festgestellt. Es wäre aber falsch zu behaupten, dass so ein Kurzaufenthalt einen ähnlichen Effekt hat wie eine richtige Kur. Wenn man das wirklich drei Wochen macht, gibt es Anpassungsreaktionen, auch die Kurreaktion, die Schmerzen können vorübergehend mehr werden. Dann hat sich der Körper so an die Behandlungen gewöhnt und die Schmerzen vermindern sich.

derStandard.at: Wann ist es nicht sinnvoll oder sogar schädlich eine Thermalkur zu machen?

Loos: Akute Entzündungen und Infekte sind die Haupt-Gegenindikationen. Dann gibt es natürlich Allergien und Unverträglichkeiten. Man darf nicht vergessen, dass in den Regulationsmechanismus des Körpers schon vehement eingegriffen wird.

derStandard.at: Wie sieht es bei Kreislaufproblemen aus?

Loos: Einerseits kann der Kreislauf mit Kuren verbessert werden. Es gibt aber natürlich Herzschwächen, die das oder schlecht eingestellte Blutdruckwerte, die eine Kur verbieten. Auch maligne (bösartige) Erkrankungen, zum Beispiel Krebs sind im noch nicht behandelten Zustand eine Gegenindikation, später nicht mehr.

derStandard.at: Was hilft bei Hauterkrankungen?

Loos: Jod und Schwefel wirken sehr gut. In Bad Goisern gibt es beispielsweise die Kombination von Jod und Schwefel, durchaus günstig bei Neurodermitis und auch bei der Psoriasis (Schuppenflechte). Bei der Neurodermitis blassen die Symptome ab, der Juckreiz lässt nach und die Cortisonhäufigkeit nimmt ab. Wir haben auch beim reinen Jodbad schon gute Wirkungen gesehen. Auf der anderen Seite gibt es aber Hautunverträglichkeiten, zum Beispiel die Jodakne.

derStandard.at: Die Kurwirkung wird oft als Placebo-Effekt kritisiert.

Loos: Ein berühmter Pharmakologe hat einmal gesagt, er wäre froh, wenn alle Medikamente so wirken würden wie ein Placebo. Natürlich, wie bei jeder Behandlung spielt der Placebo-Effekt eine Rolle. Der neue Wissenszweig der Neuroimmunologie würde da etwas Licht in dieses Gebiet bringen. Aber dass sich aufgrund eines Placebo-Effekts der gesamte antioxidative Status im Körper bessert, ist eher unwahrscheinlich. Wir sind uns des Placebo-Effekts bewusst, sehen ihn aber positiv.

derStandard.at: Welche kombinierten Behandlungsformen gibt es?

Loos: Heilwasser wird zum Beispiel auch für die Aufbereitung von Schlamm verwendet. Die Moortherapie wird oft mit Bädern kombiniert. Da ist die Zielrichtung meistens der Stützapparat, also Wirbelsäule und Gelenke. Moor wirkt durch Wärme und verschiedene Inhaltsstoffe bei chronischen Unterleibsentzündungen. Inhaltsstoffe von Moor sind zum Beispiel die Huminsäuren und östrogenhältige Stoffe, die wichtig für die Frau sind aber auch als Zusatznutzen für die Osteoporosebehandlung.

derStandard.at: Wann wendet man Trinkkuren an?

Loos: Trinkkuren werden hauptsächlich zur vermehrten Ausscheidung angewendet, zum Beispiel in Sauerbrunn. Rezitivierende Harnleitersteine und Nierensteine können damit vorgebeugt und behandelt werden. Man kann auch bei chronischer Darmträgheit durch Salzlösungen helfen oder den Magnesiumstatus durch magnesiumhältiges Wasser (in Radkersburg) heben.

derStandard.at: Wann wendet man Inhalation an?

Loos: Sie ist gut für die Lungenfunktion, für Patienten mit chronischer Bronchitis. Das ist eine Erkrankung, die zunimmt. Besserung erzielt man durch Inhalation von Jodsole. Sie wirkt schleimlösend, desinfizierend und man kann besser aushusten. Damit verbunden ist auch immer eine Atemgymnastikschulung.

derStandard.at: Wie hat sich der klassische Kuraufenthalt im Vergleich zu früher gewandelt?

Loos: Wichtig ist ein Gleichgewicht zwischen der passiven und aktiven Behandlung bezogen auf Bewegung. Die Menschen müssen spazieren gehen, Gymnastik machen, medizinische Trainingseinheiten machen. Das ist kein Widerspruch. Bei der Ernährung wurde früher "mit der Peitsche geknallt", die Patienten mussten sich asketisch ernähren. Das ist heute out. Man legt Wert auf die individuelle Beratung und beachtet verstärkt die Vererbung, zum Beispiel bei Übergewicht. Es geht viel mehr um die Motivation zu einem gesünderen Lebensstil, nicht um Verbote, kleine Sünden sind erlaubt. (Das Interview führte Marietta Türk)

Zur Person

Dr. Walter Loos ist Kurarzt in Bad Hall und Vorstand der Paracelsus-Gesellschaft für Balneologie und Jodforschung

Wirkungen

Schwefel: fördert Knochenaufbau, entzündungshemmend, schmerzlindernd, bei rheumatischen Erkrankungen, Neurodermitis, Schuppenflechte, Arthrose, bewegungsfördernd
Radon: bei rheumatischen Erkrankungen, Morbus Bechterew, entzündungshemmend, schmerzlindernd
Kohlensäure: gegen Durchblutungsstörungen (Vorbeugung und Behandlung)
Jod: durchblutungsfördernd, blutdrucksenkend, antithrombotisch, bindegewebsstraffend, bei diversen Augenerkrankungen, Neurodermitis, Schuppenflechte,

Links

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Informationen

Österreichischer Heilbäder- und Kurorteverband
Josefsplatz 6
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Tel: (1) 51 21 904

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