Stammzellforscher und Alchemisten

27. Juli 2006, 19:37
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Bioethikkommission zog Bilanz und nahm zu aktuellen Problemen Stellung

Wien - Die Forschung an embryonalen Stammzellen beherrscht wie kaum ein anderes Thema die aktuellen bioethischen Debatten. Dafür sorgten zuletzt das Veto von US-Präsident George W. Bush gegen eine Ausweitung der Förderung und der EU-Beschluss, die Forschungen unter Voraussetzung doch zu fördern.

Auch die österreichische Bioethikkommission (Vorsitz: Theologe und Mediziner Johannes Huber) hat sich in den vergangenen fünf Jahren ihrer Existenz dieses Themas angenommen und wird es weiterhin tun, wie Huber Donnerstag erklärte. Denn noch sei diese Disziplin nicht über die Grundlagenforschung hinaus gekommen. Unseriöse, nicht haltbare Heilsversprechen seien derzeit das größte Problem.

"Tatsächlich sind wir teilweise noch auf dem Stand der Alchemie."Man sei erst dabei zu verstehen, wie Stammzellen funktionieren, wie aus einem befruchteten Ei Gewebe, Organe, ein Mensch wird, betonte Huber. Injizierte man Stammzellen ins Hirn um einen Schaden zu heilen, könne man eigentlich nur hoffen, dass irgendetwas passiert. Dennoch werde die Methode "teilweise so verkauft, dass die Menschen glauben, schon morgen gibt es eine Heilung für Krebs oder Alzheimer."

Differenzierte Diskussionen

Wichtige Aufgabe der Kommission sei es daher, differenzierte Diskussionen darüber anzuregen und vom Schwarz-Weiß-Denken abzukommen. Auch Gegnern der Stammzellforschung rät Huber zu differenzierterer Sicht: So fielen etwa bei der Befruchtung im Reagenzglas Embryonen im Vierzell-Stadium an, die zwar leben, aber unmöglich Menschen werden können. Diese könnte man, statt zu vernichten, der Forschung geben.

Huber und sein Stellvertreter, Philosoph Günther Pöltner, kritisierten auch ein kürzlich gefasstes OGH-Urteil: Einem Salzburger Arzt wird vorgeworfen, eine Schwangere unzureichend über mögliche Behinderung ihres Kindes informiert zu haben. Die Eltern haben ihn auf Unterhaltszahlung geklagt, die Sache ging zum OGH, dieser hat die Causa mit Verweis auf Informationspflicht des Arztes an die Erstinstanz zurück verwiesen.

Das könnte Ärzte zur Defensivmedizin drängen, vermutete Pöltner, problematische Untersuchungen, Behandlungen würden dann vermieden.

Derzeitiger Schwerpunkt der Kommission: Biobanken (Sammlung von Gewebe und Organen) samt Datensicherheit für Spender und Empfänger. Eine Stellungnahme dazu soll im Herbst erfolgen. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 28. Juli 2006)

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