Christof Hein: "Das Wildpferd unterm Kachelofen"

27. Juli 2006, 17:29
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Ein junger Icherzähler namens Jakob Borg und seine Geschichten von fünf Freunden, die wiederum Geschichten erzählen

Ein Icherzähler erzählt von einem Jungen namens Jakob Borg, der Geschichten erzählt, in denen ein Junge namens Jakob Borg Geschichten von seinen fünf Freunden erzählt, die wiederum Geschichten erzählen. Das sieht auf den ersten Blick kompliziert aus. Aber schnell hat man sich eingelesen, und außerdem sind die Geschichten alles andere als schädlich. Denn, wie sagt Jakob Borg: "Wenn eine Geschichte gut erzählt ist, richtet sie auch keinen Schaden an."

Vom Icherzähler erfährt man nur, dass er einsam ist, Kummer wegen seiner Freundin hat und immer mal wieder, meist zufällig, den Jungen trifft und sich von ihm Geschichten erzählen lässt. Jakob Borg gibt mehr von sich preis. Wir erfahren, dass er in seiner Schulklasse ein Außenseiter ist, als Brillenschlange gehänselt und von den Großen an die Wand geschubst wird. Von seinen Eltern erzählt Jakob nichts. Nur einmal erwähnt er, dass sein Vater ihm befohlen habe, ruhig zu sein und ihn nicht zu stören. Eine Mutter kommt in seinen Erzählungen nicht vor, es sei denn, seine Fantasiefreundin Katinka ist das verborgene Abbild der Mutter. Doch davon später, zuerst müssen Jakobs andere Freunde vorgestellt werden.

Da ist Schnauz, ein Esel von geringem Verstand, der immer nur ans Essen denkt, von Karamellpudding und Rosinenbrötchen schwärmt und in seiner Naivität an Pu, den Bären, erinnert. Eine wichtige Rolle spielt Panadel, der Clochard, der tausende von Geschichten parat hat, außerdem jede Menge Lebensweisheiten: "Man findet für jedes Rätsel eine Lösung, wenn man nicht nachdenkt" oder philosophische Fragen, etwa: "Warum verschwinden einige Dinge plötzlich und tauchen nach einiger Zeit plötzlich wieder auf?". Zu Jakob Borgs Freunden gehören noch der Falsche Prinz und Kleine Adlerfeder. Der Falsche Prinz ist ein Künstler und spielt meisterhaft Klavier. Kleine Adlerfeder möchte ein berühmter Entdecker werden und hängt gedankenschweren Fragen nach: "Angenommen, ich treffe jemanden. Wie bekomme ich heraus, ob ich ihn entdeckt oder nur getroffen habe?"

Die schillerndste Figur im Kreis der Freunde ist Katinka. In einigen Episoden ist sie das hübsche, ein wenig eitle Mädchen, das zum Beispiel Antwortbriefe von seinem Tagebuch erhält. Viel öfter aber hat der Leser das Gefühl, sie sei ein heimliches Abbild von Jakobs Mutter.

Auch der kindliche Leser begreift schnell, dass die fünf Freunde nur in Jakobs Fantasie existieren, ihre Abenteuer sind zu wenig realistisch. Doch es gibt Hinweise, dass jede der Figuren ein reales Vorbild hat, dass sie als Spielsachen oder Stoffpuppen existent sind. Wenn die fünf unterm Sofa schlafen, könnte das noch ein Detail aus Jakobs Geschichten sein. Aber einmal berichtet er, dass Katinka einen Riss in Panadels Kopf nähen musste, und dabei verplappert er sich. Aus dem Riss, erzählt er, habe schon die Holzwolle herausgeschaut.

Die liebenswerten, fein gestrichelten Illustrationen von Rotraut Susanne Berner geben dem Buch zusätzlichen Charme. (Paul Maar / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7.2006)

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