"Arsen und Spitzenhäubchen"

27. Juli 2006, 17:29
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Nie hat sich jemand so perfekt zum Affen gemacht wie Cary Grant als Mortimer Brewster

Schöne Männer sind nicht lustig, weder im Kino noch im Leben. Lustig zu sein heißt immer auch: einen Makel zu haben. Klassisch schöne Männer kommen makellos rüber. Ihr Anzug wirkt wie aufgebügelt, ihre Frisur liegt perfekt, und wenn nicht, ist sie trotzdem schön verwuschelt. Schöne Männer haben fein geschwungene Brauen, eine charismatische Nase. Schöne Männer verstehen sich darauf, grundsätzlich so auszusehen, als würden sie fotografiert. Sie wirken durch ihre bloße Existenz. Hässliche Männer müssen dagegen immer irgendetwas tun, um aus ihrer angeborenen Unsichtbarkeit auszubrechen. Manchmal machen sie dann ziemlichen Unsinn. Deshalb werden hässliche Männer oft passable Clowns.

In seinen frühen Komödien - "Arsen und Spitzenhäubchen" im Besonderen - gelingt es Cary Grant, diese Grenze zu verwischen. Er, der Idealtyp eines eleganten, klassisch schönen Mannes, ist als Mortimer Brewster einer der größten Komödianten aller Zeiten. Einige Situationen bleiben im Gedächtnis: Seine fassungslos aufgerissenen Tischtennisballaugen, als er eine Leiche in der Fenstertruhe entdeckt. Oder wie er, an einen Stuhl gefesselt, umherspringt, einen Knebel im Mund und deshalb nur imstande, wie ein erkälteter Pavian zu grunzen. Tatsächlich, nie hat sich jemand so perfekt zum Affen gemacht wie Cary Grant als Brewster.

Am Tag seiner Hochzeit besucht der Theaterkritiker Brewster noch einmal seine Tanten Martha und Abb. Die Tanten erweisen sich als Massenmörderinnen, die allein stehende Männer mit vergiftetem Hollerwein killen und im Keller beerdigen, aus Mitleid. Sie nennen ihr Programm: "Näher zu Gott". Später erscheint Mortimers verschollener Bruder Jonathan, seinerseits ein Massenmörder, der aussieht wie Frankenstein. Sein Kumpan Dr. Einstein (Peter Lorre) ist schwerer Alkoholiker und als Gesichtschirurg eindeutig überfordert, ein falscher Arzt, der nicht helfen kann. Auch diese leise unterlegte Tragik sorgt dafür, dass der schwarze Stoff nie als Klamotte strandet.

Der Film spielt mit den Gegensätzen. Frankensteins Brutalität und Sensibilität. Die Behaglichkeit im Haus der Tanten, in dem zugleich das Grauen wohnt. Schließlich die Nervenheilanstalt, die auch für die wenigen Nichtwahnsinnigen, die man kaum noch erkennen kann, als Zufluchtsort erscheint. Die Heilanstalt heißt "Seelenfrieden", und am Ende wird dieser schöne Name von einem nach wie vor edel gekleideten, aber verzweifelt schwitzenden Cary Grant, den viele für einen der größten Hollywood-Giganten aller Zeiten halten, nur noch gesungen. Das hat auch mit diesem Film zu tun. (Holger Gertz / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7.2006)

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