Hannibal war da

1. August 2006, 10:17
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In Hammamet hat der Alltag einen historischen Kern und ist damit für den Einstieg in die arabische Welt ideal

Die Hauptstadt Tunesiens, nur zwei Flugstunden von Wien entfernt, ist ein sanfter Einstieg in die arabische Welt. Der erste und bleibende Eindruck: Tunis ist eine unendlich entspannte Stadt, eine charmante Mischung aus "aslema" und "bonjour", aus "merci beaucoup" und "shukran", aus breiten, begrünten Boulevards mit Prachtbauten aus der Kolonialzeit und verwinkelter Medina. Mädchen mit wilden Locken gehen Arm in Arm mit ihren Freundinnen, die Kopftuch, knallenge Designer-Hosen und Highheels tragen. Und es regt sich der Verdacht, dass sie Kopftücher nur als Accessoire benutzen, um die Schönheit ihrer Gesichter selbstbewusst zu unterstreichen.

Das Herz der Stadt ist die Medina, die ihr Aussehen im Wesentlichen seit dem 13. Jahrhundert bewahrt hat. 200.000 Menschen leben heute noch dort. Die Mauern, die die Medina einst umgaben, haben die Franzosen bis auf einige Stadttore geschleift, den alten Stadtkern ließen sie jedoch unbehelligt.

Im Gewimmel der Souks, gleich zwischen Ölbaummoschee und Nationalbibliothek, liegt hinter einer unscheinbaren braunen Tür das Restaurant Dar bel Hadj. In dem prächtigen bis unter die Decke bunt gekachelten Raum wird tunesische Küche vom Feinsten zubereitet: Fleischbällchen, diverse Brics - mit Tunfisch, Ei oder Faschiertem gefüllte, frittierte Teigtaschen, zartes Lamm in scharfer Harissasoße, köstliches Couscous mit Fisch.

Ausflug nach Hammamet

Noch nah genug für einen Ausflug ist Hammamet. Freilich reihen sich an der Strandpromenade des ältesten und wohl bekanntesten Badeortes Tunesiens die Pizzerias und Bierlokale aneinander wie auf Mallorca. "Wir brauen nach deutschem Reinheitsgebot", steht auf der Fassade eines Beisls. Doch das kann dem Reiz der Medina, die sich auf einem Felsen über dem Golf von Hammamet zwischen die Mauern der Kasbah zwängt, nichts anhaben. Die Straßen sind so eng, dass man beinahe mit den Schultern an den gegenüberliegenden Hauswänden anstreift. Die hellblauen Fensterläden der Häuser sind mit Nieten verziert, alle vereinen dieselben drei Motive: Kreuze, Davidsterne und Halbmonde.

Gleich am Fuße der Festung, direkt am Meer, liegt der Friedhof. Das Gelände wurde einst von einer jüdischen Kaufmannsfamilie zur Verfügung gestellt. Nur durch eine schmale Straße vom muslimischen Hauptbereich mit dem mosaikverzierten Gräbern getrennt, ist der kleine christliche Teil. Dort drängt sich eine italienischen Reisegruppe um das Grab von Bettino Craxi, über dem die italienische Flagge weht. Der frühere Chef der italienischen Sozialisten starb 2000 im tunesischen Asyl. Die Welt hat wahrlich schlimmere Fluchtorte als Hammamet zu bieten.

"Yasmine Hammamet"

Obwohl, da gibt es noch "Yasmine Hammamet", eine in den vergangenen zehn Jahren errichtete "gated community" für Touristen - 44 Hotels, 20.000 Betten, alles tadellos und ab vier Sternen aufwärts. Ideal für Urlauber, die möglichst wenig vom Land mitbekommen wollen. Sobald man den Wachmann und den Schranken passiert hat, ist nichts, aber auch gar nichts mehr echt. Das Kasino, die Medina, der Themenpark strahlen maghrebinische Disneyland-Ästhetik aus. Auf einem Platz zwischen zwei Hotels stehen überlebensgroßen Figuren von Hannibal und seinen Soldaten auf den unvermeidlichen Elefanten - ein trauriges Ausgedinge für den großen karthagischen Feldherrn.

Wieder zurück in Tunis, genügt oben auf dem Byrsa-Hügel ein Blick auf die steinernen Überreste der einstigen Weltmacht Karthago um schnell zu erkennen, dass die Kopien keine Rolle spielen. Und der Entschluss reift, doch noch einmal genauer nachzulesen, wie das denn so war, mit den Punischen Kriegen. (Bettina Fernsebner, Der Standard/rondo/28/7/2006)

Anreise: Tunis Air fliegt jeden Donnerstag und Sonntag nach Tunis und retour.

Allgemeine Infos: Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: (01) 585 34 80
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    In Hammamet finden sich historische Viertel ebenso wie ein Touristen-Disneyland.

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