Hüttenzauber

29. November 2006, 15:29
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Internationale Gestalter zeigen diesen Sommer in Bratislava, was ihnen zum Thema "Hütte" einfällt

Man könnte das Experiment auch im Fluss der Betonlagune unserer Straßen wiederholen. Sogar auf der Kärntner Straße, am Pariser Boulevard Haussmann oder an der Portobello Road. Man nehme einen Teppich und rolle ihn aus. Dann Polster, Zahnbürste, zwei, drei gute Bücher. Vielleicht zur Beschwerung einen soliden Safe darauf platzieren. Fertig ist das Territorium, und vermutlich werden sich die Passantenströme um den Teppich teilen, wie Moses' Rotes Meer.

Keine Straße, schon gar kein Meer, sondern lediglich die Donauufer und -wellen vor Bratislava sind indessen das Revier, in dem die austro-norwegische Kreativagentur Helen & Hard in diesem Sommer ihre Riesenluftmatratze aufrollt - oder zu einer Art Höhle übereinander legt. Aufblasbar, durchsichtig und recycelbar ist das Ding, kann bei Bedarf schwimmend Bratislavas River-People beherbergen oder als erweiterte Luftmatratze eben Gehsteigterritorien markieren.

Doch nicht nur Helen & Hards universell einsetzbare Höhlenmatte strandet in Bratislava. Schließlich ist die Nachbar-Donaustadt noch bis 1. Oktober Schauplatz von "Danubian Dreams", einem Architektur-Projekt, mit dem Nadine Gandy, die Betreiberin der lokalen Gandy Gallery, hochkarätige Designer und Architekten zur Mitarbeit bewegen konnte.

Rudimentäre, transportierbare Räume

Zum Thema "Hütte", der archaischen Grunddisziplin der Architektur, werden rudimentäre Räume geschaffen, die, so die Ausschreibung, prinzipiell mobil und von zwei Menschen transportierbar sein müssen: Matali Crasset etwa oder Peter Cook, der sich etymologisch motiviert anpirscht und dabei den etwas infantil geratenen "Hat and Coat Kiosk" am Donaustrand abliefert - der freilich auch beruhigende Polster-über-Kopf-Qualitäten besitzt. Weniger opulent wirkt da Odile Decqs Beitrag eines "Open Tipi", der die Phase des Bunkerns hinter sich gelassen hat und als dekonstruktivistisches, dreidimensionales Zeltplanen-Tangram zumindest für offene Hütten-Blicke sorgt.

Hintergründig fällt schließlich die "Eur-Shed" der polnischen Medusa Group aus - und ebenso elementar wie modular. Allerorts verfügbare Euro-Paletten, der neue Rohstoff der Industrie-Branche, sind die Ausgangsbasis, mit der Europas neue Holzhütte gebaut wird - ein Gespinst aus Kunststoff-Verpackungsmaterial taugt hier zum dünnhäutigen Kokon, der es wetterfest macht.
(roh/Der Standard/rondo/28/07/2006)

Info:
"Danubian Dreams"
Bratislava, bis 1. Oktober
Modelle der Arbeiten sind in den Räumlichkeiten der Gandy Gallery zu sehen:
Bratislava, Panenska 30
www.gandy-gallery.com
  • "EUR SHED" der polnischen Medusa Group
    foto: candy gallery

    "EUR SHED" der polnischen Medusa Group

  • "Hat and Coat Kiosk" von Peter Cook.
    foto: candy gallery

    "Hat and Coat Kiosk" von Peter Cook.

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