Beine machen

3. November 2006, 11:42
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Der Vorarlberger Wäschehersteller Wolford soll zur Luxusmodemarke werden - und setzt dabei auf den angloitalienischen Designer Antonio Berardi als Kreativdirektor - Jetzt präsentierte man die erste Kollektion

So bekannt wie Alexander McQueen oder John Galliano ist er nicht. Seine Kreationen stehen jedoch jenen der englischen Modekollegen in puncto Exzentrizität in nichts nach. Einmal entwarf Antonio Berardi einen mit dutzenden kleinen Glühbirnen, die in Form eines Kruzifixes leuchteten, verzierten Mantel. Ein anderes Mal benötigten 14 Frauen ganze drei Monate, um ein Kleid aus Klöppelspitze herzustellen: Nähte durfte es nämlich keine haben. Und jetzt also Wolford.

"Titten und Ärsche"

Das ist kein Widerspruch: Der angloitalienische Designer (geboren 1968 als Sohn sizilianischer Emigranten im englischen Grantham und ausgebildet am renommierten Central-Saint-Martins-College in London) bezieht seinen Glamour nämlich aus der Betonung der weiblichen Linien. "Meine Arbeiten sind nichts für scheue, zurückhaltende Mauerblümchen", sagte er einmal, "bei mir dreht sich alles um Titten und Ärsche." Durchsichtige Chiffonkleider sind sein Markenzeichen, markant auch seine gut sitzenden Hosenanzüge aus Leder. Zumindest Letzteres ist bei der Kollektion für Wolford, die Berardi jetzt erstmals präsentierte, nicht im Programm - dafür aber viele Spitzen und Schleifen und natürlich jede Menge Chiffon.

Eine Kollektion, die das Image Wolfords gründlich durcheinanderbringen könnte. Und das ist gut so: Der Wäschehersteller aus Vorarlberg hatte sich zuletzt nämlich in erster Linie um die Frau ab 40 gekümmert - und auch ihr kaum Lingerie verordnet, für die das Attribut "sexy" passend gewesen wäre - obwohl bereits in den vergangenen Jahren Kooperationen mit Pucci, Missoni, Kenzo und Zac Posen zumindest etwas frischen Wind in das Unternehmen gebracht hatten.

Zusammenarbeit mit Berardi

Das will Vorstandsvorsitzender Holger Dahmen durch die Zusammenarbeit mit Berardi in Zukunft noch viel konsequenter machen. "Wir wollen Richtung Prêt-à-porter expandieren. Unsere limitierten, mit Swarovski-Steinen bestickten Strickkleider zu unserem 55-jährigen Firmenjubiläum verkauften sich viel besser als erwartet - und das, obwohl sie alles andere als billig waren", erklärte er dem Branchenblatt "Women Wear Daily".

Das Segment Oberbekleidung wird denn in Zukunft unter der Aufsicht von Kreativdirektor Antonio Berardi eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Für Frühjahr und Sommer 2007 zeigte man in einem mondänen Event in der Wiener Nationalbibliothek einen Mix aus Blusen, Cardigans, Tops, Hosen, Röcken und Kleidern. Journalisten aus 18 Ländern hatte man extra nach Wien geflogen, logiert wurde im Sacher.

Klotzen statt Kleckern scheint die Devise der Vorarlberger zu sein, die erstmals seit 2000 / 01 wieder Rückenwind verspüren: Im abgelaufenen Geschäftsjahr stieg der Umsatz um 4,4 Prozent auf 121,4 Millionen Euro. Die Publicity dürfte auch Berardi gerade recht kommen. Im vergangenen Jahr brach er seine Zelte in Mailand ab und verlegte seine Modeschauen nach Paris. Aufmerksamkeit ist hier ein besonders seltenes Gut. Schließlich zeigt hier auch der Großteil seiner englischen Kollegen.
(hil/Der Standard/rondo/28/07/2006)

  • Nach unten folgt jetzt oben: Wolfords neuer Kreativdirektor Antonio Berardi ...
    foto: wolford

    Nach unten folgt jetzt oben: Wolfords neuer Kreativdirektor Antonio Berardi ...

  • ... setzt neben Strümpfen und Dessous ...
    foto: wolford

    ... setzt neben Strümpfen und Dessous ...

  • ... auch auf Oberkleidung.
    foto: wolford

    ... auch auf Oberkleidung.

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