Die Zeit der Pofesen

29. Juli 2006, 17:00
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Ein kleines Wirtshaus am See, im alten Kloster von Traunkirchen, erneuert den Glauben an intakte Orte der Sommerfrische im Salzkammergut

 

Durch das große Tor des ehemaligen Klosters Traunkirchen fuhrwerkte früher der Salzkammergut-Verkehr nach Ischl und Aussee. Hier musste auf Boote verladen und der steile Fels des Sonnsteins umschifft werden, erst in Ebensee ging es weiter. Heute ist der Berg untertunnelt, hinter dem Tor liegt ein verträumter Garten samt Brunnen und Kaiserdenkmal. Auf der Wiese stehen einige Tische, ein Kiesweg führt zu einem stillen Badeplatz. Seit dem Sommer des Vorjahres gibt es in der Tordurchfahrt auch eine nicht näher beschriftete Türe.

Durch sie gelangt man in die Klosterstube von Lorenz und Edi Pesendorfer und damit in eine der bemerkenswertesten Wirtschaften, die im Salzkammergut seit Langem aufgesperrt hat. Es sind nur zwei Räume mit uralten, geweißelten Gewölben: Im ersten stehen die Schank, der Stammtisch und zwei bäuerliche Tische samt prächtigen Wirtshausbänken, im zweiten noch einmal drei Tische und ein antiker Bauernschrank. An der Wand zeigt ein expressives Gemälde in Egger-Lienz-Tradition die "Traunreiter" - tollkühne Burschen, die einst die leeren Salzschiffe zu Pferd den tobenden Fluss hinaufzogen. Das Bild hing lange in einem Gasthaus in Ebensee - bis dieses abgerissen wurde. Schön, dass es noch immer in der Gegend ist, und in einem Wirtshaus dazu.

Unterm pflichtgemäßen Kruzifix wachen Geister wie Obstler, Zwetschke, Kriecherl. Wenn nach einem Regenguss schließlich doch noch die Sonne herauskommt, am Stammtisch Knödel dampfen und ein kühles, blondes Baumgartner im Krügel lacht, ersteht hier ein Sommerfrische-Idyll aus versunkener Zeit.

"G'scheites Wirtshaus"

Nach einigem Vagabundieren durch die Höhen und Tiefen der regionalen Gastronomie taten sich die Brüder Pesendorfer voriges Jahr zusammen, um ein "g'scheites Wirtshaus" aufzumachen. Edi macht im stattlichen Kellnerwams den Service, Lorenz kümmert sich ums Essen. Was da in ziemlich riesigen Portionen aufgetragen wird, schmeckt durchweg gut.

Der Salat aus einer Vielzahl taufrischer Blätter (Vogerl, Eichblatt, Radicchio, Bummerl, Brunnenkresse...) ist alles andere als fad mariniert, mit gebratenem Speck und köstlich mit Kräutern und Käse gefüllten Erdäpfeln stemmt er sich locker in die Hauptspeisenklasse hoch. Grundehrlich und unprätentiös und alles andere als leicht ist auch der Teller mit frisch herausgebackenen Mozzarella-Pofesen. Dass der Rohschinken dazu klugerweise separat serviert (und nicht eingebacken) wird, macht das Gericht gleich noch einmal so erfreulich.

Großartige Fleischqualität

Das mustergültig soufflierte Schweinsschnitzel "Wiener Art" kommt, wie im Westen üblich, mit Petersilkartoffeln und Salat zu Tisch, über Sinn und Unsinn der hierorts obligaten Preiselbeeren kann man zumindest gut streiten. Hirschkalbsrücken mit Gemüse- gröstl und etwas blassem Birnenrotkraut macht locker zwei Mann satt, die großartige Fleischqualität überlebt selbst wenig achtsames Braten ganz gut. Ob der viele grüne und rote Paprika im Gröstl wirklich zur Klassik-Kombo Wild und Rotkraut passt? Eher nein. Mittags gibt es zwei Tagesteller, von denen einer durchaus etwas nobler ausfallen kann (Kalbsfilet, Lammrücken,...), die volle Speisekarte wird nur am Abend gekocht.

Und guter Fisch

Fisch gibt es, wenn ein befreundeter Fischer am Morgen Glück gehabt hat, was am Traunsee auch nicht viel öfter vorkommt als anderswo im Salzkammergut. Im Fall eines kapitalen Hechts aber dürfen glückliche Zufallsgäste sich auf ein puristisches Erlebnis der Sonderklasse gefasst machen. Nur in Bauernbutter gebraten und köstlich ideenlos mit Kartoffeln und Salat serviert, wird dem edlen Räuber hier Gerechtigkeit erwiesen. "Das macht einfach mehr Spaß, als immer irgendwelchen Zuchtfisch auf der Karte grundeln zu haben", sagt Edi Pesendorfer. Dem ist nichts hinzuzufügen.
(Severin Corti/Der Standard/rondo/28/07/2006)

 

Fotos:
Gerhard Wasserbauer

Klosterstube
Klosterplatz 2
4801 Traunkirchen
Tel.: 0664 / 504 07 78
Do-Mo 11.30-14
und 17.30-21.30 Uhr
VS € 2,90-8,60
HS € 8,20-15,70

  • Artikelbild
    foto: gerhard wasserbauer
  • Das Wirtshaus im Kloster hat gleich zwei Kruzifixe, auch sonst ist hier alles so, wie es sich gehört: Ehrliches Essen, idyllischer Garten und 1A-Wirtshausbänke um jeden Tisch.
    foto: gerhard wasserbauer

    Das Wirtshaus im Kloster hat gleich zwei Kruzifixe, auch sonst ist hier alles so, wie es sich gehört: Ehrliches Essen, idyllischer Garten und 1A-Wirtshausbänke um jeden Tisch.

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