Rücktrittsforderung

27. Juli 2006, 17:00
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Ist die gute alte Intimdistanz auch im grenzenlosen, gemeinsamen Europa abgebaut worden?

Das Gute zuerst: Alle Menschen werden Brüder. Das Schlechte: Auch Brüder können stinken. Gerade in der warmen Jahreszeit drängt sich die Frage auf, warum es heute gang und gäbe ist, fremder Leute Intimzonen und Privatsphären zu usurpieren. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, wenn Bürokollegen, Gastgeber oder lose Bekannte einem unaufgefordert Röntgenaufnahmen, ausgebrochene Zähne oder Fötenultraschallbilder unter die Nase halten. Oder einen, bei weit vom Kopfe abgezogenem Unterlid, bitten, nach Unrat im Auge zu schauen. Wenn sie Rücken oder Lenden freimachen, um graue Tintenstrahlbildchen, aufgetackertes Metall oder Brandnarben auf ihrem fahlen Leib zu entblößen. Schon hiebei tritt der Diskrete einen Schritt zurück, hält die Luft an und entringt sich ein "Hm".

Von besonderem Übel, aber und kaum abzuwehren, ist der hier zu Lande leidigerweise grassierende Grüßkuss. Die Trulle vom Catering, der Neue aus der Registratur, die Tierärztin, das Weh, das mit dir in den Sprachkurs gegangen ist - sie alle reißen dich, kaum, dass sie deiner ansichtig werden, am (vorsorglich aus-, aber leider ins Leere gestreckten) Arm an sich und knallen dir ihre Backenknochen an den Schädel. Und die paar Frauen von der Antiluftkussliga wischen dir dann auch noch mit ihrem feuchten Pratzl auf der Wange herum, um die Lippenstiftspuren zu verschmieren. Yuck.

Die gute alte Intimdistanz - ist die auch im grenzenlosen, gemeinsamen Europa abgebaut worden? Herr Zizou, bekanntlich Südländer, hat zur vermeintlichen Wahrung der seinen unlängst leider überreagiert. Er - der sich, wie alle seine Fußballfreunde, gern öffentlich und extensiv abnudeln, betatschen und frottieren lässt - hatte offenbar plötzlich den Eindruck, sein Gegenspieler, Herr Materrazzi, sei ihm zu nahe getreten. Und quittierte das, (was in Wahrheit nur die üblichen insultierenden Gemeinplätze über Koitalverhalten, Prostitution und /oder mögliche Canidenabstammung weiblicher Zidane-Verwandten war), mit einer äußerst rüden Infraktion der physischen Intimzone seines Kontrahenten. So geht's ja auch nicht.

Was also tun, um sich Fremd und Feind vom Leibe zu halten? Zurückstinken - und bei Körperkontakt: gezielt ausgreifen.
(Una Wiener/Der Standard/rondo/28/07/2006)

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