"Lucio Silla"-Premiere: Gestopfte Opernlöcher

20. Juli 2007, 16:43
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Regisseur Jürgen Flimm beschert dem Mozartzyklus eine etwas behäbige Art des Theaters - die musikalische Seite des Abends überzeugt eher

Premiere von Mozarts "Lucio Silla" bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule. Regisseur Jürgen Flimm beschert dem Mozartzyklus eine etwas behäbige Art des Theaters. Die musikalische Seite des Abends überzeugt eher.


Salzburg – Es kann dem mitmusizierenden Europa gar nicht genug gedankt werden. Kooperierend sind ja viele seiner Musiktheateranbieter dafür verantwortlich, dass Salzburg für sich in Anspruch nehmen kann, aus eigener Kraft alle Werke des aus Salzburg einst sehr gerne verschwundenen Sohnes der Stadt zu stemmen. Bei Il re pastore waren es das Musikfest in Bremen und das Beethovenfest Bonn. Bei Lucio Silla gilt der Dank dem Teatro La Fenice in Venedig, wo Jürgen Flimm, kommender Intendant der Salzburger Festspiele, das Werk des 16-Jährigen erarbeitet hat.

Ob sich Flimm seinerseits bei Nochintendant Ruzicka dafür bedanken wird, dass er mit seiner Silla-Produktion in der Felsenreitschule gelandet ist, darf allerdings bezweifelt werden. Denn in diesem X-large-Ambiente wird evident, dass Flimm zu diesem heiklen Opus nur wenig eingefallen ist, um die langen Arien, diese Koloraturringelspiele, dauerhaft mit szenischem Leben zu erfüllen. Flimm hat sich darauf konzentriert, jene räumliche Leere zu beseitigen, die ein direkter Transfer des Bühnenbildes von Venedig nach Salzburg bewirkt hätte: Mit einem Landschaftsprospekt verhüllt sind die Arkaden, eine mobile Fassade dominiert in der Bühnenmitte. Links und rechts davon sind Zimmer angedeutet, dort leidet und lebt das Volk. So tut sich scheinbar immer etwas. Die Figuren sind nahezu dauerpräsent, was simultane Handlungen ergibt und dem Betrachter bald eine Art Tennisnacken beschert, so er alles in diesem von Rokoko ausgehenden und andere Epochen herbei zitierenden Ambiente mitbekommen will.

Nach einer Weile allerdings sieht man, dass hier nicht nur räumliche, vielmehr auch Ideenlöcher gestopft werden. Statt die Gefühle und Gedanken der Figuren Bild werden zu lassen (was etwa Claus Guth im Theater an der Wien gelang), wird hier szenisches Routinebeiwerk ornamental ins Rennen geschickt. Besonders in den Chorszenen dominiert der Eindruck, dass Flimm so inszeniert wie Kicker Ronaldo bei der WM in Deutschland gespielt hat. Überwiegend behäbig also, mit ein paar wachen Momenten, in Summe jedoch lähmend. Der Chor zelebriert ein träges Auf-die-Bühne-Kommen und hat unfreiwillig komische Rituale zwischen Totentrauer und Aufbegehren zu absolvieren.

Dabei hat Flimm die Hauptfiguren durchaus genau gezeichnet. In ihnen – Giunia (vokal nicht immer ausgewogen Annick Massis), Celia (tadellos Julia Kleiter) und Cecilio (vokal farbenreich Monica Bacelli) – ist durchaus Leben, wohingegen die Figureninteraktion dürftig bleibt. Paradoxerweise Weise lenkt aber gerade die voll geräumte Bühne ab von den psychologischen Momenten, denen die Dimensionen der Felsenreitschule zusätzlich Intensität rauben.

Das zieht sich dann bald, und man wünscht, Flimm hätte Silla (ein bisschen zu harmlos, aber vokal edel Roberto Sacca) früher (und nicht erst am Schluss) ermorden lassen. Da er die sekundenschnelle finale Wandlung der Figur (vom wütenden Despoten zum vergebenden Monarchen) nicht glauben kann, muss Silla bei Flimm mit dem Messer an der Gurgel begnadigende Dinge öffentlich aufsagen, einen Text, den ihm Cinna (stark im Dramatischen Veronica Cangemi) vorgelegt hat. Anschließend wird er beseitigt, Cinna nimmt seinen Platz ein. Das immerhin ist schön ausgedacht und umgesetzt, und schön in einem konventionellen Sinne wird dazu musiziert. Das Orchestrale kommt über weite Strecken nämlich flüssig und leicht daher. Das geht lange gut, läuft sich aber etwas tot, da es Dirigent Tomas Netopil (schon in Venedig für den verstorbenen Kollegen Marcello Viotti eingesprungen) in extremen Momenten verabsäumt, für ein dramatisches Gegengewicht zum Schönklang zu sorgen.

So bleibt die Musik eine schüchterne Grazie. Und der Dirigierstab eine Feder, die die Musik animierend streichelt. Kurzer Applaus für die Sänger. Einige Buhs für den Regisseur, der dem neuen Salzburg-Intendanten Flimm nicht einreden sollte, diese Produktion in den nächsten Jahren in Salzburg als Wiederaufnahme zu zeigen. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2006)

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    Aus dem Teatro La Fenice auf die ungleich größere Bühne der Felsenreitschule transferiert, präsentiert Jürgen Flimms Inszenierung von "Lucio Silla" in Salzburg ihre Schwächen im Cinemascope-Format

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