Der Angriff der "Cowboy-Gewerkschaften"

26. Juli 2006, 17:38
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Sinkende Mitgliederzahlen untergraben den Alleinvertretungsanspruch der niederländischen Gewerkschaften

Amsterdam - Kaum zehn Jahre ist es her, da galten die niederländischen Gewerkschaften als die mutigsten Modernisierer Europas. Ihr Vorsitzender, der spätere Premier Wim Kok, hatte Mitte der 1980er-Jahre mit dem Arbeitgeberchef Chris van Veen die Grundlage für das "Poldermodell" geschaffen, mit dem das Land die schwerste Wirtschaftskrise seit Kriegsende überwinden konnte.

Um der hartnäckigen Arbeitslosigkeit beizukommen – 1984 waren 800.000 Niederländer ohne Arbeit – hatte Kok nicht nur auf Lohnerhöhungen bei den Kollektivverhandlungen verzichtet, sondern auch dem lang gehegten Wunsch der Arbeitgeber entsprochen, die Arbeitsverhältnisse flexibler zu gestalten. Als Gegenleistung bekam Kok kürzere Arbeitszeiten. Das Poldermodell wurde zur international beachteten Erfolgsstory: Mitte der Neunzigerjahre boomte die niederländische Wirtschaft wie nie zuvor. Im Land herrschte Vollbeschäftigung, Arbeitskräfte wurden zur heiß begehrten Mangelware.

Militant waren die niederländischen Gewerkschaften ohnedies nie gewesen. Gewalttätige Streiks und harte Arbeitskämpfe passen nicht in die niederländische Kultur des Interessenausgleichs und des Kompromisses. Die Grundlagen für die moderne Sozialpartnerschaft haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber während der deutschen Besatzung gelegt. Zwölf Tage nach der Befreiung wurde die "Arbeitsstiftung" gegründet, die seither zweimal pro Jahr mit der Regierung zusammentrifft und die sozialen und wirtschaftspolitischen Leitlinien festlegt.

Mit dem Antritt der konservativ-liberalen Regierung unter Jan Peter Balkenende 2002 verschlechterte sich das Betriebsklima im Polder. 1,7 Milliarden Euro wollte die Regierung durch Kürzungen beim Arbeitslosengeld und bei der Sozialhilfe einsparen. Das Kabinett hatte die Kompromissbereitschaft der Gewerkschaften überschätzt.

Nach all den Jahren der Nachgiebigkeit hatten die Gewerkschaftsmitglieder genug von finanziellen Opfern zugunsten der Staatsfinanzen. Am 2. Oktober 2004 demonstrierten mehr als 250.000 Menschen in Amsterdam gegen die Regierung. Einen Monat später waren die sozialpolitischen Härten vom Tisch. Der Erfolg der größten gewerkschaftlichen Mobilisierung seit dem Zweiten Weltkrieg hatte Freund und Feind überrascht.

Rechnung mit Wirt

Wie in anderen europäischen Ländern sinkt auch in den Niederlanden der Organisierungsgrad der Arbeitnehmer. 1978 war noch jeder Dritte Mitglied einer Gewerkschaft, 2002 nur noch jeder Vierte. Damit kommt auch die gesellschaftliche Position der Gewerkschaft FNV als Arbeitnehmervertretung bei Kollektivvertragsverhandlungen in Gefahr. Der Arbeitsrechtler Jaap van Slooten von der Universität Amsterdam sieht ein massives Legitimitätsproblem auf die Gewerkschaften zukommen. Je schwächer die traditionellen Gewerkschaften werden, umso leichter wird es für die Unternehmen, Betriebs-KVs mit "Cowboy-Gewerkschaften" abzuschließen. So wurden 2005 die Kollektivverträge im Gastgewerbe ohne die etablierten Gewerkschaften geschlossen.

Ein zusätzliches Problem ist die Mitgliederstruktur: 70 Prozent der Mitglieder ist männlich, über 40 Jahre alt und weiß. Aber immerhin haben die Männer im Mai vergangenen Jahres zum ersten Mal eine Frau zur Vorsitzenden gewählt. Für die 46-jährige Historikerin Agnes Jongerius ist die Gewerkschaft ein "Emanzipationsmotor: Was für die Arbeiter erreicht wurde, das muss uns jetzt bei den Frauen und den Zuwanderern gelingen." (Barbara Hoheneder aus Amsterdam/DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2006)

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