Freibeuter scheffeln Millionen: "Fluch der Karibik 2"

27. Juli 2006, 10:38
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Gore Verbinskis Fortsetzung des Piratenabenteuers erfüllt zwar kommerzielle Erwartungen – für gelungene Unterhaltung sorgt es jedoch nur bedingt

Wien – Die Begleiterscheinungen dieses Films sind superlativ: Am ersten Tag in den US-Kinos hat er Rekordhalter "Episode III" abgehängt, dann das beste Eröffnungswochenende in den USA mit rund 135 Millionen US-Dollar aus Kartenverkäufen eingefahren und überdies die Disney-Aktien zum Steigen gebracht. Derzeit soll das weltweite Einspielergebnis bereits bei rund 540 Millionen Dollar liegen.

Das ist sehr schön für all jene, auf deren Konto es sich niederschlägt. Zumal angesichts von kolportierten Produktionskosten von rund 225 Millionen Dollar (sowie angenommenen Marketingkosten im 100-Millionen-Bereich) – und während der Entertainmentkonzern sein Filmdepartment aufgrund vorangegangener Einbußen gerade abschlankt (siehe Artikel unten).

Der gemeine Kinozuseher, seien wir ehrlich, lässt sich von solchen Informationen wahrscheinlich nur mäßig beeindrucken. Was er und sie will, ist vielmehr: die Fortsetzung von "Pirates of The Caribbean: The Curse of The Black Pearl" sehen, über Johnny Depp als leicht debilen Piratenkapitän lachen, eventuell Orlando Bloom oder auch Keira Knightley anschmachten, spektakuläre Actionszenen bewundern. Und vor allem: endlich eine gute Unterhaltung in einem Blockbuster-technisch mauen Kinojahr erleben.

Die ersten Faktoren sind zwangsläufig gegeben, wie es um die Unterhaltung tatsächlich bestellt ist, sei vorerst noch dahingestellt. "Fluch der Karibik 2", der im Original vollständig "Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest heißt" und wieder von Gore Verbinski inszeniert wurde, führt die drei Hauptfiguren – Captain Jack Sparrow (Depp), Will Turner (Bloom) und Elizabeth Swann (Knightley) – natürlich wieder zusammen.

Schwacher Herzschlag

Diesmal gilt es, einen anderen Fluch zu bannen, der das noch schlagende Herz eines längst zum Untoten mutierten Seefahrers involviert. Zunächst wird es allerdings einmal ein bisschen langweilig. Eine Hochzeit platzt, es regnet – die Geschichte kommt nur langsam in Schwung. Dialogsätze werden bisweilen in einer Weise aufgesagt, als hätte hier ein Anfänger eine Laienspieltruppe dirigiert.

Bald darauf folgt immerhin eine fesselnde Actionsequenz, deren Set und Statisterie zwar aussehen, wie vom King-Kong-Dreh übrig geblieben, die jedoch spektakuläre Dynamik zu entfalten weiß: In runden, aus Gebeinen gefertigten Käfigen hängen die Piraten hoch über einer Schlucht, während sich die Indigenen anschicken, Jack Sparrow zu rösten. Das produziert bald ein wildes Schwingen, Rollen und Stürzen. Nicht umsonst entstammt der Filmstoff einem Erlebnis-Ride aus Disney World.

Der Film ist also stellenweise charmant und mitreißend, aber auch über weite Strecken schwer erträglich – schließlich hat man eine epische Länge von 150 Minuten gewählt. Da man aber etwa die Entwicklung der Figuren als fürs Erste abgeschlossen zu betrachten scheint und der Vater-Sohn-Konflikt der Herren Turner nicht viel an Affekten abwirft, bleiben dafür vor allem kleine intrigante Scharmützel und großes Schlachtgetöse übrig. Story? Die geringste Nebensache der Welt.

Das Special-Effects-Department hat stattdessen die untoten Widersacher mit allerlei Meeresfauna verschnitten: Da trägt einer das flache Haupt eines Hammerhais, ein anderer kommt mit Muschelbewuchs, und der finstere Kapitän ohne Herz ist als Molluske ausstaffiert. Johnny Depp, der hüftwiegend und armrudernd durch den Film tänzelt, hat mit Jack Sparrow seine Charlies-Tante-Rolle gefunden. Der sich abzeichnende Aufschub bestimmter durchaus spannungsträchtiger Figuren-Konflikte auf Teil drei verstärkt zunehmend den Eindruck, dass der aktuelle Film das Selbstverständnis eines (langen) Interludiums pflegt.

Den eigentlichen Schatz haben mit diesem Film somit die Produzenten gehoben. Ob sie langfristig mit ihrer Marken- und Marketing-Strategie Erfolg haben werden, oder ob sich das in immer Schwindel erregendere budgetäre Dimensionen abhebende Blockbustergeschäft doch noch als Fluch erweist, das bleibt freilich abzuwarten. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2006)

Sparen trotz Piraten
Disney restrukturiert Filmproduktion

Burbank - Mitten in die Verkündigung der Rekordeinspielergebnisse von "Fluch der Karibik 2" platzte vergangene Woche die Ankündigung des Disney-Konzerns, seinen Mitarbeiterstab weltweit um 650 Stellen (immerhin ein Fünftel) zu verkleinern und damit Einsparungen in der Größenordnung von 90 bis 100 Millionen Dollar zu erzielen. Außerdem soll die Produktion von Realspielfilmen umstrukturiert werden. Davon betroffen ist unter anderem das Label Touchstone, dessen Produktionsoutput nunmehr um rund ein Drittel auf zwei bis drei Filme jährlich beschränkt werden soll. Gleichzeitig wolle man sich stärker auf die "Kernmarke" familientauglicher Unterhaltungsfilme konzentrieren.

Gerade das Piratenspektakel, das auf dem gleichnamigen, 1967 in Betrieb gegangenen Erlebnis-Ride im kalifornischen Disneyland basiert, zeige, wie sich mit dem Markennamen nicht nur an den Kinokassen Gewinne machen lassen. Inzwischen wurde in die Anlage etwa auch eine Captain-Jack-Sparrow-Figur mit den Zügen von Johnny Depp inkorporiert. Der Film, der ursprünglich auch Besucher der Themenparks als Zuschauer ins Kino lockte, funktioniert inzwischen auch umgekehrt als Werbeträger für erstere.

Ursache für das Sparprogramm und für Umbesetzungen auf der Führungsebene (Produktionschefin Nina Jacobson verlässt die Firma und wird durch Mark Zoradi an der Spitze der Disney's Picture Motion Group ersetzt) sind erhebliche, seit einigen Quartalen anhaltende Einbußen - so blieb zuletzt etwa das Historienabenteuer "Casanova" mit kolportierten 37,6 Millionen US-Dollar Einspielergebnis unter allen Erwartungen.

Der profitable Animationsbereich - inklusive Pixar - sowie Miramax (bereits im Vorjahr Kürzungen unterworfen) sei von den aktuellen Veränderungen nicht betroffen. (irr)

  • Johnny Depp in seiner neuen Leib-und-Magen-Rolle als Piratenkapitän.
    foto: buena vista

    Johnny Depp in seiner neuen Leib-und-Magen-Rolle als Piratenkapitän.

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