Öffnung des Holocaust-Archivs für die Forschung

28. Juli 2006, 17:35
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Acht Staaten unterzeichnen Protokoll - Archiv im deutschen Bad Arolsen enthält Dokumente über 17,5 Millionen Opfer des Nazi-Regimes

Berlin - Deutschland und sieben weitere Staaten haben am Mittwoch das Protokoll über die Öffnung des Holocaust-Archivs im hessischen Bad Arolsen auch für die Forschung unterzeichnet. Für Deutschland unterzeichnete Staatsminister Günter Gloser. Die Unterzeichnerstaaten sind Mitglieder des internationalen Verwaltung, denen die Aufsicht über das Archiv obliegt. Es handelt sich um Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Polen und die USA. Belgien, die Niederlande und Polen unterschrieben noch nicht, da dort noch innerstaatliche Genehmigungsverfahren laufen.

Mit der Öffnung soll Wissenschaftlern der Zugang zu den Dokumenten über 17,5 Millionen KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und andere Verfolgte des Nazi-Regimes ermöglicht werden. Bisher durfte das Archiv nur für den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes genutzt werden. Mit dem zeitigen Unterzeichnungstermin wollen Deutschland und die USA die Nachzügler offenbar ermuntern, nach einem Jahrzehnt zähen Streits über die Archivöffnung ihre Genehmigungsverfahren abzuschließen. Bis zum 1. November liegen die Dokumente für weitere Unterschriften noch bereit.

Geschichte des Archivs

Das Holocaust-Archiv ist ein Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs. 1943 vom Britischen Roten Kreuz begründet, kümmert sich der Suchdienst seit 1946 um das Schicksal während der NS-Zeit verschleppter und verschwundener Zivilpersonen. Sein Kernbestand sind Karteien von NS-Behörden und die Verwaltungen von Konzentrationslagern über Gefangene, Zwangsarbeiter und andere Opfer. Sobald alle an der Verwaltung beteiligten Regierungen das Protokoll unterschrieben haben, beginnt der Prozess der Ratifizierung. Er soll etwa weitere sechs Monate dauern.

Botschafter Shimon Stein, der für Israel unterzeichnete, sagte, er sei froh, dass die Zeremonie zu Stande gekommen sei. Zur Aufklärung der NS-Zeit gebe es "noch eine ganze Reihe von Fragen, die noch auf ihre Antwort warten". US-Botschafter William R. Timken erklärte, die Unterzeichnung stelle "einen großen Schritt für Familien dar, die mit Hilfe dieser wichtigen Archive mehr über ihre Familienangehörigen erfahren möchten". Auch zu offene Eigentumsfragen könne es neue Hinweise geben.

Langes Hin und Her

Die Öffnung des Archivs mit 50 Millionen Dokumenten auf 25 Regalkilometern wurde möglich, als Deutschland am 18. April nach zähem Hinhalten seinen Widerstand aufgegeben hatte. Auch Italien hatte sich gegen die Öffnung gestemmt. Grund dafür war nicht, wie es Deutschland vielfach vorgeworfen wurde, eine Blockadepolitik zum Verstecken des finstersten Kapitels der deutschen Vergangenheit, sondern Sorge um die Reputation der Opfer. In den Akten schrieb die SS säuberlich auch Angaben über die sexuelle Orientierung der Gefangenen oder Inzest auf oder warum welche medizinische Experimente vorgenommen wurden sowie wer auf welchen Druck zur Kollaboration bereit war.

Sechs Jahrzehnte nach dem Krieg wurden die USA zur treibenden Kraft für die Öffnung. "Es ist alles Geschichte," ließ sich die Direktorin des Holocaust-Museums in Washington, Sara J. Bloomfield, zitieren. Für ein vollständiges Geschichtsbild müssten alle Punkte miteinander verbunden werden können, sagte sie. Ihr Forschungsdirektor Paul Shapiro brachte die US-Ungeduld mit Deutschland mit undiplomatischer Aggressivität auf den Punkt: "Das Verstecken des Archivs ist eine Form der Holocaust-Leugnung." (APA/AP)

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