Nahostexperte im Interview: "Testlauf für verschärfte Konfrontation Iran - USA"

27. Juli 2006, 14:43
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Walter Posch im Gespräch mit derStandard.at über die Rolle der Internationalen Gemeinschaft und die Stärke der Hisbollah

"Die beiden Parteien werden sich das auskämpfen." Der Terrorexperte Walter Posch sieht weder bei der Hisbollah noch bei Israel den Willen, die Kämpfe einzustellen. Für eine internationale Truppe mit UNO-Mandat sieht Posch kaum Chancen, in den Konflikt einzugreifen. Einen direkten Zusammenhang sieht Posch mit dem Iran-Atomkonflikt. "Sollten die Verhandlungen zur Urananreicherung scheitern, könnte das im schlimmsten Fall zu einer Konfrontation mit den USA führen. Das hätte unabsehbare Folgen."

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derStandard.at: Wie beurteilen Sie die Militär-Taktik Israels im Libanon und in Gaza?

Posch: Rein militärisch betrachtet war es ein logischer Schritt, dass Israel die Hisbollah irgendwann angreifen wird.

Wie auch der Generalstabschef sagte, hat man den Libanesen klar gemacht, dass sie den Preis dafür bezahlen werden, falls sie die Hisbollah weiter dulden. Das Problem sehe ich auf zwei Ebenen: Die Hisbollah hat zwar eine potente Miliz, ist aber auch eine schiitisch-libanesische Volksbewegung, eine Partei mit einem starken zivilen Flügel. Stimmen bringt ihnen die Tatsache, dass sie im sozialen Bereich sehr engagiert sind.

Auf der anderen Seite hat Israel bereits seit Jahren gewusst, dass die Hisbollah - ziemlich sicher mit Hilfe des Irans - aufrüstet und hat nun diesen "Anlassfall" genutzt. Die Tatsache, dass Nasrallah allerdings immer noch prinzipiell dialogbereit ist, bedeutet für mich, dass er diese Reaktion in der Härte nicht vorausgesehen hat.

derStandard.at: Denken Sie, dass sich der Konflikt noch auf andere Länder ausweiten könnte?

Posch: Der Iran stellt sich nun voll hinter die Hisbollah. Und sollten die Verhandlungen zur Urananreicherung scheitern, könnte das im schlimmsten Fall zu einer Konfrontation mit den USA führen. Das hätte unabsehbare Folgen. Ich sehe die aktuellen Kämpfe auch als eine Art Testlauf dafür, wie so eine verschärfte Konfrontation aussehen könnte.

Zwar ist die Hisbollah nicht direkt vom Iran gesteuert. Allerdings war die Verbindung in den 80er Jahren zu den iranischen Revolutionsgarden (Pasdaran, Anm.) sehr stark. Es bestehen nach wie vor gute persönliche Kontakte zur Hisbollah. Außerdem dürften die militärischen Taktik und Waffensysteme der Hisbollah ziemlich genau die der Pasdaran sein. Die Art wie sie Bunker bauen, einen Einsatz gehen oder in Kleingruppen arbeiten gleicht sich stark.

derStandard.at: Wie stark ist die Hisbollah militärisch im Vergleich zur israelischen Armee?

Posch: Die israelische Armee ist von der Qualität der Materialien eindeutig die beste Armee des Nahen Ostens. Die Hisbollah ist im Endeffekt eine Guerillia-Armee mit einem beschränkten Pool verschiedenartiger Raketen. Die Frage ist, wie gut das Material der Hisbollah tatsächlich ist. Die Rakete, die auf das israelische Schiff gefeuert wurde, hat ja großes Erstaunen ausgelöst, weil sie offentlich weit mehr als ein primitives Gerät war. Wir können davon ausgehen, dass die Aufrüstung der Hisbollah schon sehr weit fortgeschritten ist.

Die Hisbollah ist zweifelsfrei die beste libanesische Miliz. Man kann sie nicht entwaffnen. Es ist ein "no starter", von der libanesischen Regierung zu verlangen, die Hisbollah zu entwaffnen.

derStandard.at: Was soll man tun?

Posch: Man könnte die Hisbollah mit iranischer Hilfe in eine Partei umwandeln. Da müsste man aber vorher mit dem Iran einen modus vivendi finden. Wenn es zu einer Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina kommt, wäre es im Bereich des Möglichen, dass sich die Hisbollah auflöst.

derStandard.at: Glauben Sie wie Kofi Annan an einen "absichtlichen Angriff" Israels auf die UNIFIL-Patrouille und welchen Sinn hätte ein solcher Angriff?

Posch: Annans Worte waren sicher sehr hart. Das legt die Vermutung nahe, dass er tatsächlich von einem "absichtlichen" Angriff ausgeht.

derStandard.at: Kann es eine rasche Lösung für diesen Konflikt geben? Was erwarten Sie von der Konferenz in Rom?

Posch: So wie die die Situation sich jetzt darstellt, kann die Konferenz eigentlich nur scheitern. Was soll denn der Auftrag für eine internationale Friedentruppe sein? Soll das mit einem UNO-Mandat passieren? Und dann was? Die Hisbollah entwaffnen? Ganz offensichtlich besteht auch weder bei der Hisbollah noch bei Israel der Wille, die Kämpfe einzustellen.

derStandard.at: Soll die NATO eingreifen?

Posch: Man spricht darüber. Aber nochmals: worum geht es? Geht es darum, die Hisbollah zu entwaffnen? Auch wenn das ein gutes Ziel ist, wer würde sich darauf einlassen? Die Hisbollah kämpft um ihr Überleben und auch die Israelis glauben, dass es um ihr Überleben geht. Vor diesem Hintergrund sehe ich eigentlich keinen Handlungsspielraum, die beiden Parteien werden sich das auskämpfen.

derStandard.at: Und eine international überwachte Friedenszone?

Posch: Was bedeutet wiederum das genau? Dass hier keine Hisbollah-Kämpfer einsickern dürfen? Und mit welchem Mandat würden die Truppen geschickt? Sollen sie nur "peace keeping"-Aufgaben übernehmen, sollen sie kämpfen? Zählen Grenzverletzungen durch Israel dazu? Das muss alles erst ausdiskutiert werden. (Das Interview führte Manuela Honsig-Erlenburg)

Zur Person
Walter Posch
arbeitet am Institute for Security Studies (EUISS) der Europäischen Union mit Sitz in Paris. In Österreich ist er für das Institut für Friedenssicherung und Konflikt­management (IFK) der Landes- Verteidigungs­akademie des Bundesheeres tätig.
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