Hoffen auf Rechtschreib-Frieden

28. Juli 2006, 20:17
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Der Stand der Dinge vor der Einführung am 1. August

Berlin/Hamburg/Wien - Die Politik hatte 1996 mit der großen Rechtschreibreform vor allem in Deutschland ein Wirrwarr ausgelöst, das Schüler, Lehrer, Dichter und Denker nachhaltig verunsicherte. Nun werden ab 1. August in Schulen und Behörden wieder zum Teil neue Regelungen eingeführt. Die "Reform der Reform" soll den lange ersehnten Rechtschreibfrieden wiederherstellen. Und die Politik gibt sich geläutert und verspricht, sich künftig aus dem leidigen Thema herauszuhalten.

Österreich war von den Verwirrungen weniger betroffen: Während in Deutschland einzelne Bundesländer die Rechtschreibreform nicht umsetzten, trat diese hier zu Lande im Vorjahr voll in Kraft - abgesehen von einigen strittigen Punkten, für die der Rat für deutsche Rechtschreibung noch Änderungen ausgearbeitet hat, die nun - mit einer Übergangsfrist von zwei Jahren an den Schulen - am 1. August verbindlich werden.

Aber auch in Deutschland dürfte nun Ruhe eingekehrt sein: "Die jetzt gefundenen Regelungen sind eine gute Basis für einen Rechtschreibfrieden. Da sie nicht nur von der Politik, sondern auch von einer breiten Mehrheit der Fachleute unterstützt werden, hoffe ich sehr, dass die Akzeptanz auch außerhalb der Schulen weiter wachsen wird", sagt die Vorsitzende der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder, Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD).

"Urin-stinkt" dann doch nicht

Die Ministerpräsidenten der 16 deutschen Bundesländer hatten Ende März einstimmig die Korrekturen beschlossen, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung empfohlen worden waren. Sie betreffen vor allem Groß- und Kleinschreibung sowie Zusammen- und Getrenntschreibungen. So werden unter anderem Eigennamen wie "der Runde Tisch" wieder großgeschrieben und Wörter wie "eislaufen" wieder zusammengeschrieben.

Reformiert wurde auch das Trennen am Zeilenende. So soll es verwirrende Trennungen wie "Urin-stinkt" und "E-sel" nicht mehr geben. In vielen Fällen sind variable Schreibweisen zulässig, wie bei "Grafik" und "Graphik". Die Regeln gelten für Schulen und Behörden, der einzelne Bürger muss sich nicht daran halten.

Chance auf "Sprachfrieden"

Der Vorsitzende des Rats für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, sieht gute Chancen für einen weitgehenden "Sprachfrieden". In der Sprachwissenschaft solle die Debatte bewusst weitergehen. "Wir wollen ja die Sprache beobachten, und dann sehen wir, ob sich Orthographie oder Orthografie, Spaghetti oder Spagetti durchsetzen und ob man creditcard groß, getrennt oder zusammen schreibt." "Einheitlichkeit per se war auch gar nicht das Ziel", sagt er. Es sei gewollt, dass Zusammensetzungen wie "sitzen bleiben" mal zusammen und mal auseinander geschrieben werden, "und zwar nach ihrem Sinninhalt".

In fünf Jahren wird der Rechtschreibrat seinen nächsten Reformbericht vorlegen. Die Lehrerverbände sind optimistisch, dass die deutschen Ministerpräsidenten dann der Versuchung widerstehen, noch einmal an der ganz großen Reformschraube zu drehen. Die Schulbuchverlage, die die neuen Regeln schnell umsetzen wollen, hoffen, dass in den Medien künftig genauso geschrieben wird wie in den Schulbüchern, wie Rino Nikolic vom Verband deutscher Schulbuchverlage sagt.

Wie die Verlage agieren wollen

Die meisten deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage wollen die zum 1. August in Kraft tretenden Änderungen der deutschen Rechtschreibung umsetzen. Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen werden die Änderungen ebenfalls vermutlich ab dem Jahreswechsel anwenden und - als Ergebnis einer Befragung ihrer Kunden - künftig bei Varianten die klassischen Schreibweisen wählen.

In der Literatur wird auch künftig der Autor oft das letzte Wort über die Rechtschreibung in seinem Werk haben. Die meisten Verlage in Deutschland wollen zwar nach dem 1. August die dann verbindlichen Rechtschreibregeln übernehmen, Wünsche ihrer Belletristik-Autoren nach den alten Schreibweisen aber respektieren, ergab eine dpa-Umfrage unter großen Verlagshäusern. Anders sieht es hingegen bei Sach-, Kinder- und Schulbüchern aus. Die Schulbuchverlage wollen die Schreibreform möglichst schnell umsetzen.

Bei den Belletristik-Verlagen wird sich nicht viel ändern. "Letztendlich entscheidet der Autor, in welcher Rechtschreibung sein Buch erscheint", sagt Martin Spieles, Sprecher der Verlagsgruppe S. Fischer in Frankfurt am Main. Wer als Autor unbedingt auf die alte Rechtschreibung Wert lege, erhalte seinen Willen. Genauso ist es bei Eichborn: "Wir kommen den Wünschen der Autoren nach", sagt Sprecher Dieter Muscholl in Frankfurt.

Diese Linie verfolgen auch die Verlage Hoffmann & Campe (Hamburg), Ullstein (Berlin) und Kiepenheuer & Witsch (Köln) sowie der Luchterhand Literaturverlag und der Goldmannverlag, die beide zu Random House (München) gehören. Beim Münchner Verlag DVA/Manesse darf der Autor nach der alten oder einer eigenen Rechtschreibung schreiben. Von Suhrkamp war keine Stellungnahme zu erhalten.

Der Sprecher von Rowohlt in Reinbek bei Hamburg meinte allerdings: "Wir werden nichts tun, was das Chaos noch vergrößert. Sollte ein Autor auf der klassischen Schreibweise bestehen, werden wir versuchen, ihm das auszureden." Dagegen beharrt der Piper Verlag (München) weiterhin konsequent auf der alten Rechtschreibung - außer wenn der Autor auf der neuen Rechtschreibung bestanden hat. Auch nach dem 1. August wolle man so verfahren, heißt es in der Presseabteilung.

Bei Sach- und vor allem Kinderbüchern wird bei S. Fischer die neue verbindliche Rechtschreibung angewandt. "Ein Verlag kann sich nicht zum Normsetzer aufspielen", sagt Spieles. Genauso geht Eichborn vor bei seinen Sachbüchern oder Ratgebern: "Wir folgen den Empfehlungen der Duden-Reaktion", bestätigt Muscholl.

Der Gerstenberg Verlag, der Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, versucht laut Jacoby, wieder generell zu einer einheitlichen Rechtschreibung zurückzukommen. Unter der Vielzahl der Varianten, die künftig erlaubt sind, werde Gerstenberg die konservativere Variante nutzen. "Wir werden wieder mehr Worte zusammenschreiben als auseinander", sagt Jacoby.

Die Schulbuchverlage wollen die Änderungen zur Rechtschreibreform schnell umsetzen. Wie der Sprecher des Verbands deutscher Schulbuchverlage (Frankfurt/Main), Rino Nikolic, sagte, sollen die Neuerungen bereits zum neuen Schuljahr in den Büchern für Deutsch sowie im gesamten Grundschulbereich eingearbeitet sein. "Das erwarten die Kunden. Beim Bücherkauf wollen sie Zukunftssicherheit haben." Den größten Änderungsbedarf gebe es bei der Getrennt- und Zusammenschreibung.

Die erneuten Änderungen in den Schulbüchern seien mit hohem Aufwand für die Verlage verbunden. Die Kosten lägen möglicherweise im zweistelligen Millionenbereich, sagte Nikolic. Allerdings könne die derzeitige Situation nicht mit der "Riesenhektik" nach der ersten Rechtschreibreform vor zehn Jahren verglichen werden. "In den Schulen ist man des Themas ein bisschen überdrüssig." Wichtig sei, dass jetzt alle an einem Strang zögen und in den Medien künftig genauso geschrieben werde wie in den Schulbüchern. In dem Verband sind 80 Schulbuchverlage zusammengeschlossen.

Die geänderte Reform in Beispielen

Die am 1. August in Kraft tretenden Änderungen bei der Rechtschreibreform betreffen nur einige Teilbereiche des Regelwerks. Die "großen Brocken" der Reform bleiben dagegen wie gehabt: Das scharfe ß kommt grundsätzlich nur mehr nach einem langen Vokal (Maß, Fuß). Nach einem kurzen Selbstlaut heißt es nun Kuss, muss oder Fass, "daß" wird generell nur mehr "dass" geschrieben. Das Stammprinzip wird außerdem verstärkt betont (Stängel statt Stengel, schnäuzen statt schneuzen usw.).

Änderungen gibt es dagegen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung bzw. der Groß- und Kleinschreibung. Generell gilt: Es soll wieder mehr zusammengeschrieben werden - vor allem dann, wenn ein einheitlicher Wortakzent vorliegt wie "abwärtsfahren", "aufeinanderstapeln" oder "querlesen". Und: Bei feststehenden Begriffen wie "der Blaue Brief", "der Runde Tisch", "das Schwarze Brett" soll wieder durchgängig "dem allgemeinen Schreibgebrauch" gefolgt und groß geschrieben werden.

Im Anschluss eine Gegenüberstellung der verschiedenen Schreibweisen mit besonderer Berücksichtigung der auf Grund der Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung heuer vorgenommenen Neuregelungen. Vielfach gibt es mit "auch:" gekennzeichnete Wahlmöglichkeiten. In manchen Fällen gibt es eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung, in anderen dagegen sogar eine von der Reform eigentlich unberührt gelassene Änderung der alten Schreibregeln.:

ALTE RECHTSCHREIBUNG    RECHTSCHREIBREFORM     NEUE RECHTSCHREIBUNG
                                               (ab 1. August 2006)

eislaufen Eis laufen eislaufen

leid tun Leid tun/leidtun leidtun

recht haben Recht haben recht haben auch: Recht haben

radfahren Rad fahren Rad fahren

näherkommen näher kommen näher kommen auch näherkommen

richtigstellen richtig stellen richtig stellen auch: richtigstellen

kennenlernen kennen lernen kennen lernen auch: kennenlernen

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Potential Potenzial Potenzial auch: Potential

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(APA/dpa)
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