Auf den Spuren von Marcel Proust. Normandie, Ile de France, Genfer See.

30. Mai 2001, 14:57
posten

Beautheac, Nadine/ Bouchart, François-Xavier

Inspiriert von Marcel Prousts Landschaftsbeschreibungen begab sich der Fotograf François-Xavier Bouchart sieben Jahre lang systematisch auf dessen Spurensuche und besuchte alle Orte, die Proust bereist, alle Villen und Landhäuser, alle Hotels und Schlösser, in denen er sich aufgehalten hatte. Der Bildband führt zu den Städten und Landschaften, die Proust so liebte und die ihn immer wieder anzogen, und spürt nach, wie nachdrücklich diese Orte Eingang gefunden haben in dessen literarisches Schaffen.

Überall in Prousts Werk finden sich Beweise für seine glühende Liebe zur Natur. Nichts habe ihm reinere Freude bereitet als die Beschreibung von Landschaften, stellte einer seiner besten Freunde, der französische Diplomat Robert de Billy, nach dem Tod des Schriftstellers fest. Proust war ein leidenschaftlicher Spaziergänger, musste sich jedoch wegen seines schweren Asthmas von Kindheit an vor Kälte, Feuchtigkeit und Staub schützen. Selbst im Sommer verließ er das Haus nie ohne Mantel und ohne Regenschirm als Sonnenschutz. Oft trug er ein Seidentuch über Mund und Nase, weil er den Duft der Blumen nicht ertrug. Unentwegt kämpfte er gegen seine körperlichen Gebrechen an, um sich wenigstens einen kleinen Teil der Welt, die er von Kindheit an geliebt hatte, erobern zu können.

Doch er litt auch an psychischen Störungen. So bereitete es ihm von Kindesbeinen an größte Schwierigkeiten, von einem Zimmer in ein anderes zu ziehen, und er musste es sich erst wie Neuland erobern. Proust zögerte Ortsveränderungen deshalb gerne hinaus und traf dann oft ganz unerwartete Entscheidungen. Mit seinen sensiblen Bildern dokumentiert Bouchart Prousts Spaziergänge, Ausflüge und Reisen und weckt solcherart eindringliche Erinnerungen an Prousts Oeuvre. Seine Partnerin Nadine Beautheac lässt parallel dazu die Lebensstationen des Schriftstellers zum Leben erwachen; sie zeichnet das Bild eines kränklichen, begüterten Bonvivants, der in Paris und auf seinen Reisen trotz seiner Behinderung intensiv am gesellschaftlichen Leben des Hochadels teilnahm. In persönlichen Fotos blickt uns so manche seiner Romanfiguren entgegen.

Die Spurensuche beginnt in Illiers, wo Marcel als Kind gemeinsam mit seinem Bruder die Oster- und Sommerferien verbrachte. Nach seiner Asthmaerkrankung mit 9 Jahren wird man ihm die Ferien in Illiers jedoch verbieten und Aufenthalte am Meere verordnen. So bleiben Proust die Sommer mit der Großmutter in den Seebädern an der normannischen Küste, besonders in Trouville, immer deutlich in Erinnerung. Auch nach Ostende fährt er, welches damals zu den mondänsten Seebädern Europas zählte. Mit seinem Geliebten Reynaldo Hahn wird er eine große Bretagne-Rundreise unternehmen. Später verbringt er einen Urlaub in Evian mit seiner Mutter, welcher durch den Tod seines Vaters jäh unterbrochen wird.

Die Begegnung mit John Ruskins Werken gibt seinem Leben eine neue Ausrichtung. Der englischen Sprache nicht mächtig, übersetzt er dennoch mit Hilfe von Freunden in mühseliger vierjähriger Arbeit dessen „Bibel von Amiens“. Die Arbeit an Ruskins Büchern weckt in ihm den Wunsch, sich auf Spurensuche an all die Orte zu begeben, die der Kunstkritiker besichtigt hatte. Seine Ruskin-Wallfahrten nehmen ihren Ausgangspunkt bei der Kathedrale von Amiens und werden ihn quer durch Europa führen. So fährt er im Mai 1900 drei Wochen mit seiner Mutter nach Italien, Ruskins „The Stones of Venice“ im Gepäck. Trotz seines erbärmlichen gesundheitlichen Zustands unternimmt er eine weitere Rundreise zu Kathedralen in Frankreich; seine Reisen werden in auch nach Burgund und in den Norden, nach Brügge, Amsterdam Gent und Antwerpen führen.

Ab 1910 fährt Proust wieder in die Normandie, nach Cabourg, wo das Grand Hôtel – Vorbild für den Speisesaal des Grand-Hôtel in Balbec – neu eröffnet wird. Auch seine nächsten Sommer wird er hier verbringen, bereits seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ schreibend.

Später wird er Paris kaum mehr verlassen. Beautheac beschreibt seine Jugendjahre, seine Schulzeit, seine Spaziergänge im Bois de Boulogne. Immer wieder mit Referenzen zu Prousts Werken: So sind die Champs Elysées darin immer wieder der Ort erster kindlicher Liebe, der Bois de Boulogne hingegen der bevorzugte Ort der Liebe unter Erwachsenen – man denkt unwillkürlich an Madame Swann, wie sie sich in ihrem Zweispänner auf der Allée des Acacias bewundern lässt und im Juni das Blumenfest besucht, während ihr Mann sein Vergnügen abends auf der Insel im großen See sucht.

Im Anhang des Bildbands findet sich ein kleiner Reiseführer (mit Adressen und Telefonnummern) auf den Spuren von Marcel Proust: Spaziergänge in und um Illiers-Combray, Reiserouten in die Normandie und in Savoyen; Ruskin-Wallfahrten; Proust-Spurensuchen in Amsterdam und Venedig sowie „Ein Tag in Paris mit Marcel Proust“.
(Esther Hecht)

Nadine Beautheac/ François-Xavier Bouchart
Auf den Spuren von Marcel Proust
Normandie, Ile de France, Genfer See

168 S./ öS 491,-
Gerstenberg, Hildesheim
ISBN: 3806728542

Share if you care.