AirSex oder die schwarze Sau

27. Juli 2006, 16:00
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Guido Gluschitsch avanciert dank der schwarzen Yamaha YZF R6 zum Liebling der Massen - Was die Reißerische ähnlich sieht

Die AirSex zieht die Leute an wie ein Magnet. Das glaubst du gar nicht. Erst heute vor der Firma. Eigentlich wollte er vorbeigehen, wer immer er war. Aber nein, das konnte er nicht. "Wie geht die denn?" fragte er mich. "Ich weiß nicht." antwortete ich, "Ich warte noch auf den Bericht beim Standard.at! Vorher weiß ich wirklich nicht, was ich von dem Radl halten soll."

Die erste, die sich zum AirSex Probereiten anmeldete, war die Frau Lektorin. Nein. Eigentlich war die Floh die erste – aber die hat dann letzten Endes ausgelassen. Vermutlich hatte sie Angst, dass sie danach mit ihrer Uralt-R6 keine Freude mehr haben würde. Aber die Frau Lektorin kam mir eh grad recht. Nach der "gemütlichen" Blamage auf der Kanten soll sie nur hinten auf der AirSex leiden (Und wie sie gelitten hat *wuahahaha* Anm. d. Frau Lektorin).

Weil eines ist klar. So edel die schwarze Sau, wie ich die R6 liebevoll nenne, für den Piloten ist, so bachen ist es hinten drauf. Ein Sitzpolsterl, grad einmal so groß wie ein altes Wettex und in etwa so weich wie Kopfsteinpflaster. Dafür ist die auf 98 dB zugelassene Yamse für die Sozia irrsinnig leise, weil du dir hinten unweigerlich mit den Knien die Ohren zuhältst.

"Na klar, Frau Lektorin, fahren wir eine Runde." sagte ich und meinte eigentlich "Har har har!" Die Strecke, die ich wählte, war noch dazu gemein. Eine fade Anreise, weil fast nur gerade. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, fangen aber die Kurven an. Und ich habe die AirSex ums Eck gedroschen, dass ich schon mit Watschen rechnete, als wir nach der ersten Halbzeit für eine Zigarette anhielten. Steigt die Frau Lektorin nicht mit einem breiten Grinsen ab und sagt: "Aber am Weg zrück fahren wir jetzt schon einmal arg schnell. Du hast gesagt, heute wird nicht genudelt."

Also hab ich ihr am Weg zurück die "arg schnell" gezeigt. Ja, ich weiß eh, das darf man nicht. Deswegen haben wir das auch nicht gemacht. Stell dir vor. Nein, das geht nicht. Es war halt ein klein wenig langsamer als "arg schnell". Dann war es schon Zeit, das nächste Ortsschild gebührend anzubremsen. Die Insel, welche die Fahrbahn schon vor der Ortseinfahrt teilte, machte sich aber trotzdem ziemlich breit.

Fazit der Frau Lektorin: "Pfoah, die geht aber. Geiler Sound. Ich weiß gar nicht, was besser klingt. Die R6 oder ein Mann, der gerade kommt – so er sich auszudrücken weiß. Und so unbequem ist die gar nicht, wie du tust." Da werde ich mir echt noch was einfallen lassen müssen. Ich meine, so kann das ja nicht weitergehen. Vielleicht sollte ich mir eine einsitzige MotoCross checken und mit ihr ein bisserl am Erzberg fahren, überleg ich gerade.

Der Pteppic wollte natürlich auch. Süß war er, wie er mich auf der Tankstelle angewinselt hat, doch die Finger von seiner Frau zu lassen oder ihm wenigstens für ein paar Minuten die Schlüssel der schwarzen Sau auszuhändigen. Ich hab nicht lang überlegt und ihm die Schlüssel in die Hand gedrückt. Mit den Worten: "Geh, du sagst ja selber, dass du die 600er Rennsemmeln nicht leiden kannst. Was willst dann mit der AirSex?"

Er kam lange nicht zurück. Aber als er dann wieder da war, stellte er die R6 vor mir ab. "Na, die geht super." Und sperrte sich in der Toilette jener Tankstelle ein, bei der ich auf ihn wartete. Als er raus kam, war das erste, wonach er sich erkundigte, die Motorradgruppe, die gerade vorbei gefahren war. "Ist mir lieber, sie glauben, du warst mit dem Bock unterwegs. Kann sein, dass einer wegen der Herbrennung noch sauer ist. Besser, er haut dir die Zähne raus. Bei deinem Gesicht ist es eh schon wurscht." Ja, das sind Freunde.

>>>Die Reißerische

Pteppic war ausnahmsweise kaum weniger begeistert als ich. Faktum ist ja, mir taugen diese Yoghurtbecher zwischen 600 und 750 Kubik unendlich. Ihm gar nicht. Die AirSex zog mich ganz besonders in ihren Bann und ich schwärmte schon vorab jede Menge. Jetzt tat das auch der Pteppic. Weil die schwarze Sau trägt ihren Namen ja nicht nur so.

Die 127 Pferde, die da bei 14.500 Touren ihr Werk verrichten, sind nämlich keine Spielzeugponys, sondern echte Anabolika-Haflinger. Ja Himmel-Schimmel. 68 Newtonsche Meter bei 12.000 Touren klingen jetzt nicht nach der großen weiten Welt für den Pteppic. Seine Straßenwalze lukriert vermutlich fast das Doppelte. Aber aufpassen, Buben und Mädels, sag ich. Ich hakelte einmal bei 130 genüsslich zwei Gänge runter und stellte das Gas auf 1. Hat die AirSex nicht das Vorderhaxl gehoben? Na aber sicher. Und diese Kraft dürfte der Pteppic auch gespürt haben, als er die harten Tourenmänner richtete wie Schulbuben.

Ich bin dann ins Steirische gefahren. Den Pteppic hab ich mit seinem alten Eisen wieder heim zur Frau Gemahlin geschickt. In der Steiermark wurde ich nämlich schon erwartet. Zum einen von der Reißerischen, zum anderen von meinem Vater. Na Moment. Eigentlich wurde ich nur von meinem Vater erwartet. Ich schuldete ihm noch Geld. Die Reißerische wartete eigentlich auf die AirSex.

In dem Lokal, welches wir als Treffpunkt ausmachten, saß ich eine ganze Zeit lang allein. Als ich dann annahm, sie würde nimmer kommen, rief ich sie an, um zu erfahren, ob sie sich nur verspäten oder mich einfach versetzen würde. "Geh, ich war eh pünktlich. Ich steh ja schon ewig bei der Yamaha. Die ist echt fesch. Was man ja von dir nicht so sagen kann."

Also trank ich meine Apfelschorle (ja, Rinius, das ist nur für dich) aus, packte die Reißerische auf den Sozius und fuhr zum Schulden zahlen. Mein Vater erwartete uns schon. "Für die Zinsen wirst du bluten, Bersch, wart nur." sagte er, fing das Eisen meines Bruders aus der Garage und hetzte mich über die Hügel der Südsteiermark, dass die Hälfte gereicht hätte.

Wieder musste ich die AirSex im Soziusbetrieb wild durch die Kurven prügeln. Und das war schon ein bisserl ein Hin und Her im Kopf. Zum einen wollte ich mich von meinem Vater nicht allzu böse herbrennen lassen – was würde sich denn die Reißerische denken? Zum anderen war die gute Reißerische halt auch zu dings, du weißt schon, als dass ich sie unterwegs verlieren wollte.

Aber es ist eh wurscht. Weil egal, ob man alleine fährt oder zu zweit, gegen die AirSex ist kein Kraut gewachsen. Beim Anbremsen schnell einmal zwei Gänge runter – da fangt nix z’stempeln an: Anti-Hopping-Kupplung. Deppensicher.

Das Fahrwerk ist wirklich gut. Schon die Ausgleichsbehälter an der Upside-down-Gabel haben in mir den Verdacht aufkeimen lassen, dass sich da jemand ins Zeug geworfen hat. Im sechsten Gang ausgedreht, für Wirtshaus-Stammtisch-Rennfahrer wird der Tacho wohl so an die 280 km/h anzeigen. Ich meine, echte 255 km/h sind sicher möglich. Naja, sie bringt ja auch nur 161 kg auf die Waage. Ein handliches, aber sehr schnelles Eisen.

Meine Schulden beim Altvorderen waren beglichen. Ich hatte trotz AirSex keine Meter gegen ihn. Dafür zahlte er dann auch die Getränke beim Wirten. Die Reißerische konnte ich noch dazu überreden, für ein paar Fotos herzuhalten.

Der werte Leser will ja wissen, mit wem er es zu tun hat. Dafür musste ich ihr versprechen, dass sie 100 Meter mit der AirSex fahren dürfe. Genau. In die Rehaugen schauen und nein sagen. Eh klar, dass ich das nicht konnte. Obwohl mir das schon ein bisserl leid tat, als die Reißerische dann am Bock saß und fragte: "Wo ist noch einmal die Kupplung und wo die Bremse?" Aber nicht dass du glaubst, die hätte sich vor mir in alter Glu-Manier ausgebreitet. Nein. Ersten Gang rein und weg war sie.

Geglüht ist sie, als wäre ihr die AirSex vertraut wie der Juwelier ums Eck. Und wenn das 100 Meter waren, die sie gefahren ist, dann sollte ich dringend beim Urologen vorsprechen. Aber was ich sag, einfach zu fahren ist sie, die Yamse, obwohl sie eine Waffe ist. (Text und Fotos: Guido Gluschitsch, derStandard.at, 26.7.2006)

Yamaha YZF-R6

Preis: EUR 10.490,-

Motor: 4-Zylinder-Viertakt. Hubraum: 600 ccm. Leistung: 93 kW/127 PS bei 13.000 U/min. Max. Drehmoment: 68,5 Nm bei 12.000 U/min. Antrieb: Kette, 6-Gang-Getriebe. Federung: Upside-Down-Telegabel vorne, Alu-Schwinge hinten. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe: 830 mm. Trockengewicht: 163 kg. Tank: 17 l. Top-Speed: über 200 km/h.

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Yamaha

  • Gluschitsch unter Strom. Ebenfalls im Bild: Die Yamaha YZF-R6.
    foto: derstandard.at

    Gluschitsch unter Strom. Ebenfalls im Bild: Die Yamaha YZF-R6.

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