"Il re pastore": Menschwerdung der Puppen

20. Juli 2007, 16:43
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Dirigent und Regisseur Thomas Hengelbrock setzt auf Originalklang und exakte Personenführung und beschert dem ersten Mozartabend der Festspiele sehr solides Niveau

Salzburg - Ist für Salzburg jedes Jahr eines der maximalen Mozart-Erwartungen, so wächst das Jubeljahr 2006 gewissermaßen zu einer Art globaler Amadeus-WM, in dessen Finale zu kommen für die Festspieleschweißtreibender Weise eine Selbstverständlichkeit zu sein hat. Die Lage wird nicht unbedingt dadurch leichter, dass man erst im sechsten WM-Monat ins Geschehen eingreift. Liest man sich jedoch durch die festspieleigene Wortwerbung, glaubt man den jubelnden Weltmeister zu sehen, der sich allein ob der Zahl 22, auf die er beim Projekt "Mozart total"gesetzt hat, jetzt schon legitimiert sieht, die WM-Krone zu tragen.

Natürlich gleichen die Festspiele heuer einem logistischen Wunderwerk, und mit diesbezüglichen Infos wird nicht gegeizt. Man liest von 212 Aufführungen, 4000 Mitarbeitern, von 500 Künstlern, 250 Statisten und 24 Orchestern. Und dann erst: 2150 Kostüme, 50.000 Meter Stoff und 320.000 Meter Zwirn werden in den Mozartwettkampf geschickt. Ein Eintrag im Guiness-Buch der Festival-Rekorde ist sicher. Bedauerlicherweise kommt es - zumindest in Kunstdingen darf dies als gesichert gelten - auf Größe nicht an. Und es wird bilanzierend zu fragen sein, welchen Qualitätspreis man in Salzburg bezahlt hat, um mit dem Charme der Quantität die "Konkurrenz"blass aussehen zu lassen.

Bei der ersten Musiktheaterproduktion jedenfalls zeigt sich, dass offenbar zur Rettung der Quantität auch Bescheidenheit ins Team geholt werden musste. In der Universitätsaula hat man für Il re pastore eine zierliche Bühne aufgebaut. Als wär's ein Wandertheater: Ein paar Vorhänge, ein Guckkasten, in dem putzige Gemälde mit Schafen und Kriegsszenen vorbeiziehen. Ansonsten herrscht ein bisweilen skurriles Personenspiel im Spiel, eine Art Probensituation vor, in der sich Sänger über Mozarts in Salzburg geschriebenes Stück vom Hirten Aminta, der König werden soll, hermachen.

Als wollte er beweisen, dass mit wenig sehr viel zu leisten ist, hat Dirigent und Regisseur Thomas Hengelbrock ganz auf exakte und nie zufällige Personenführung gesetzt.

Bei Arien haben die Protagonisten ihre Emotionen zunächst puppenhaft eckig zu vermitteln. Mit Fortdauer der Handlung allerdings wird ihnen Leben eingehaucht. Sie werden zu leidenden Seelen in diesem Spiel um Macht und Liebe. Besonders die Damen beherrschen zudem die Verschmelzung von Darstellung und Gesang. Annette Dasch (als Aminta), Marlis Petersen (als Elisa) und Arpine Rahdjian (als Tamiri) sind auf jenem Niveau, das man in Salzburg verlangen muss.

Da stimmt alles - die Wucht der Koloraturen, die Vielfalt des Ausdrucks. Die männliche Seite des schwülen Abends hat es schwer, mitzuhalten. Kresimir Spicer (als Alessandro) ist zwar ein witziger Junge, der langsam Herrschaftsgesten erlernt und sich zu grimmigem Machtbewusstsein steigert. Seiner Stimme fehlt jedoch die Leichtigkeit, um glaubwürdig zu werden. Der Lenker im Hintergrund, Andreas Karasiak (als Agenore) wiederum neigt etwas sehr zum Knödeln, was seine Autorität als zynischer Machtschachspieler untergräbt.

Das Balthasar-Neumann-Ensemble ist dem Ganzen über weite Strecken ein solider Animator. Der Orchesterklang ist dabei zunächst etwas blass, und nicht nur ob des vibratolosen Spiels. Mit Fortdauer der Oper gelingt aber eine Steigerung. Im Dramatischen ist man durch Hengelbrock ohnedies immer im erforderlichen Bereich des logischen, markanten Akzentuierens. Sehr solide in Summe, der Mozarteinstand. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 7. 2006)

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    Der Auftakt zur Amadeus-WM der Salzburger Festspiele zeugt von Sparsamkeit: "Il Re Pastore" in kleiner Form.

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