Kriegsheimkehr ins Zitateland

27. Juli 2006, 09:47
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"Don Juan": Musiktheater-Uraufführung beim Klangbogen Wien

Wien - Bereits beim Betreten des Semper-Depots ließ sich erahnen, was die folgenden anderthalb Stunden musikalisch bringen würden: Denn die Mitglieder des von Walter Kobéra mit Umsicht geleiteten Amadeus Ensemble Wien vergewisserten sich während des Einspielens nochmals jener dicht gewobenen Skalengänge, die die Oper Don Juan kommt aus dem Kriegvon Erik Højsgaard über weite Strecken prägen. In einem fort lässt der dänische Komponist (52) solche miteinander verflochtenen Linien aufsteigen, sich verlieren und erneut ansetzen, als seien sie ein Gleichnis jener Resignation, in die die Irrungen des Protagonisten am Ende münden werden.

Der den paradoxen Lithografien von M. C. Escher verwandte Shepard-Effekt, der die Illusion ständiger Aufwärtsbewegung ermöglicht, ergibt so ein einigermaßen treffendes Sinnbild für die Ausweglosigkeit, in die der Kriegsheimkehrer in Horváths Pate stehendem Theaterstück gerät. Zwischen Wahnsinn und Krankheit, aber auch durch die tauben Vergnügungen der Inflationszeit irrt dieser Don Juan umher, umgarnt von rund 35 Frauenfiguren.

Seine Suche nach der Verlobten endet an deren Grab, nachdem man dem Antihelden durch filmisch rasch wechselnde Szenen gefolgt ist. Højsgaard bleibt in seinem Libretto nahe am Schauspiel und zeichnet seine beklemmende Dramaturgie mit zuweilen hausbackenen Mitteln nach. Dass das Ganze nicht in Monotonie endet, dafür sorgt der Komponist mir einer Flut an Zitaten: von Bach über Schubert bis zu Debussy.

Das Spiel mit der Banalität - Kunstmittel schon in der Vorlage - bewegt sich in der Oper freilich auf schmalem Grat. "Die Musik kommt mir äußerst bekannt vor", jener Gedanke, den Juan zu einer Mahler-Allusion äußert, mochte einem auch beim Zuhören in den Sinn kommen, und dies nicht immer zum Vorteil Højsgaards.

Vorteilhafter geriet da schon die Umsetzung: Die schräg abgeschnittenen Quader (Bühne: Paul Zoller) erwiesen sich als geeignete Plattformen für die von der Regisseurin Mascha Pörzgen oft parallel gezeigte Vereinzelung der Figuren, die auch von den übereinander geblendeten, freitonalen Gesangslinien widergespiegelt wurde. Für Intensität sorgte dabei ein sympathisch engagiertes Ensemble mit Christian Miedl (Don Juan) und zehn Sängerinnen, von denen Rebecca Nelsen, Ulla Pilz und Petra Simkova am meisten hervorragten. Insgesamt geriet diese Uraufführung der Neufassung von Højsgaards 1992 in Odense gezeigtem Opus somit zu einem willkommenen Lebenszeichen der Neuen Oper Wien. (Daniel Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 7. 2006)

  • Christian Miedl (Don Juan), Gisela Theisen & Tamara Gallo (Soldaten)
    foto: © armin bardel

    Christian Miedl (Don Juan), Gisela Theisen & Tamara Gallo (Soldaten)

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