Das Paradies ist eine tapezierte Spielwiese für Bestrickte

24. Juli 2006, 19:48
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Grace Ellen Barkey entführt das Publikum mit "Chunking", ihrer coolen Choreografie für Jan Lauwers' Needcompany, in die Seitenallee eines paradiesischen, beinahe kindlichen Gartens

Wenn Sie sich schon lange nach einem Tapetenwechsel sehnen - hier sind Sie richtig!


Auf der Bühne von Barkeys Chunking baut sich ein zart nihilistischer Reigen auf, der den Charme spielender junger Hunde entwickelt, denen wir vorerst einmal getrost zuschauen können, ohne schon gleich einen tieferen Sinn darin zu suchen.

Das mag jetzt ungewöhnlich klingen, dennoch erscheint es die adäquateste Handlungsanweisung für das potenzielle Publikum zu sein. Lehnen Sie sich also ruhig zurück, denn vor Ihren Augen kommt nichts mehr zur Ruhe: Die Bühne, bestehend aus tapezierten Stellwänden in den schönen, großen, fantastischen Blumen und psychedelischen Mustern der 70er-Jahre, verändert sich laufend, die Stellwände dienen als Verstecke und als Blenden.

Gezielt werden Ausschnitte gezeigt, und so manches, das aus dem gesellschaftlich gesteckten Rahmen fällt, taucht zwischen den fließenden Motiven auf. "Bedient" werden die Wände von der Company selbst: ein Karussell der Gelüste und kleinen Späße dreht langsam am Blick des Publikums.

Seit 1992 ist Grace Ellen Barkey Mitglied der Needcompany, und ihre Stücke zeichnen sich durch eine punkige Haltung gegenüber einer sonst mit so feinen Pinseln arbeitenden Archäologie aus: Sie hebt tief Vergrabenes nicht mit Samthandschuhen aus, sondern wirft es - ohne ihren Charme und ihre Leichtigkeit aufs Spiel zu setzen - auf die Bühne.

Die Gestaltung der Bühne, die sie zusammen mit Lot Lemm entworfen hat, ist vom amerikanischen Künstler Mike Kelley inspiriert, der sich in seiner Arbeit für die kindlichen Entwicklungen der Sexualität interessiert. Emotional besetzte Gegenstände wie Plüschtiere sind die Träger dieser Sehnsucht nach Unbescholtenheit und Zensurlosigkeit, ohne frivol zu werden. Grace Ellen Barkey spielt mit der Idee einer Postpunk-Commedia-dell'Arte, voll mit absurden Figuren, die zuerst in die Leichtigkeit verführt: Die Darsteller der Needcompany servieren Häppchen süffisanten Genusses, immer damit beschäftigt, neue Geschichten aufblitzen zu lassen. Bevor aber eine Trivialität, die das Animalische des Menschen so sehr ins Licht gerückt hat, die Oberhand gewinnt, kehrt die Nacht ein. Musik zerschneidet den Raum, Wände wandern geordnet und bringen Glanz und satte Töne.


Teddys und Puppen

Schließlich zerschmettert der Sound von Sonic Youth diese unerfüllte Sehnsucht, gefolgt von gleißendem Licht. Jetzt wird noch einmal - in schickem Strick - aufgeräumt. Mit den legendären Riffs von Kill your idols schütteln sich die Figuren des Stückes in ihren Plüschtierkostümen, um sich schließlich zur Ordnung eines Kinderzimmers zu formieren: Teddys, Katzen, Puppen, alle zum Familienporträt versammelt. (Marty Huber/SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2006)

"Chunking"
im Akademietheater
am 28. 7., 21.30
  • Grace Ellen Barkey spielt mit der Idee einer Postpunk-Commedia-dell'Arte voll absurder Figuren, die kleine Häppchen süffisanten Genusses servieren.
    foto: impulstanz/vanassche

    Grace Ellen Barkey spielt mit der Idee einer Postpunk-Commedia-dell'Arte voll absurder Figuren, die kleine Häppchen süffisanten Genusses servieren.

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