Flugbahnen durch den Menschenraum

24. Juli 2006, 19:30
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Begehren und Konflikte sind verwandt wie ein Geschwisterpaar - so erzählt es eine der avanciertesten europäischen Choreografinnen, Mathilde Monnier, in ihrem Stück "frère&sur"

Gekonnt setzt Mathilde Monnier in frère&sour Sinnlichkeit und Abstraktion von Körpern und Bewegungen ein, um auf dieser Ebene essenziellen zwischenmenschlichen Fragen auf den Grund zu gehen und dabei Geschichten von beispielhafter Allgemeingültigkeit zu erzählen.

Monnier, die ihr Choreografieren auch als "Schreiben" bezeichnet, lässt sich gern durch Literatur, Theorie und Philosophie anregen. Sie hat des Öfteren mit der skandalumwitterten Autorin Christine Angot (Arrêtez, arrêtons, arrête, 1997) zusammengearbeitet und mit dem Philosophiestar Jean-Luc Nancy eine getanzte Konferenz (Allitérations, 2002) abgehalten.

Außerdem kooperiert sie mit Komponisten wie Heiner Goebbels (in Les lieux de là, 1998/99) - oder auch mit einem Chansonier wie Philippe Katerine, mit dem sie 2008 vallée - pièce pour 7 chanteurs danseurs entwickelte, das am 5. August bei ImPulsTanz zu erleben sein wird.


Grobe Geschwister

Für frère&sur nahm Monnier Anleihen bei Jacques Lacan: Die späteren Beziehungen eines Menschen seien von dessen gewaltsamen Geschwisterbeziehungen geprägt, lautet die dem Stück zugrunde liegende These.

Auf der Suche nach dem Ursprung des Begehrens und nach seinem Sinn in einer Paarbeziehung verfolgt die Choreografin diese Spur zurück bis zum kindlichen Raufen, das um seiner selbst willen in nicht selten hemmungsloser Brutalität praktiziert wird. Über drei weiße Tanzböden verteilen sich aus einem schwarzen Würfel heraus 14 Tänzer zu den live-elektronischen Sounds von Monniers Lieblingsmusiker erikm. Sie sind die Bausteine für Monniers Erzählung psychologischer Zusammenhänge.


Wir sind viele Körper

Den sprachlichen Soundtrack liefern Zitate der amerikanischen Punk-Autorin Kathy Acker. Monnier lässt in dem stringent gebauten, höchst musikalischen Ablauf Versatzstücke wieder und wieder durchspielen - variiert und vom Kontext mit immer neuer Bedeutung aufgeladen.

Die Tänzerinnen und Tänzer scheinen wie durch Fremdkörper von ihren Bahnen abgelenkt zu werden. "Diese Rollen geben eine Ahnung von den unzähligen Körpern, die wir besitzen, konstruieren und repräsentieren, wenn wir anderen begegnen", erklärt Monnier. "Und sie könnten alle ein und dieselbe Person sein."

"Trajektorien", also Flugbahnen, nennt sie die drei Zustände in diesen Aktionen: einer des Begehrens, einer der Gewalt und ein dritter der Erinnerung an diese korrespondierenden Erfahrungen. (Judith Helmer /SPEZIAL/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2006)

"frère&sur"
im Volkstheater
27. 7., 21.00
  • Die Tänzerinnen und 
Tänzer bei Mathilde Monniers "frère&sur" scheinen 
wie 
durch Fremdkörper von 
ihren Bahnen abgelenkt 
zu werden.
    foto: impulstanz/marc coudrais

    Die Tänzerinnen und Tänzer bei Mathilde Monniers "frère&sur" scheinen wie durch Fremdkörper von ihren Bahnen abgelenkt zu werden.

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