Kaubacken der Restauration

20. Juli 2007, 16:43
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Mit der eher selten gespielten Nestroy-Posse "Höllenangst" treibt Schauspielchef Martin Kušej im Salzburger Landes­theater der Komödie die Albernheit aus

Die Restauration frisst ihre Festspiel-Kinder! Ein zu Recht umjubelter Abend.


Salzburg – Johann Nestroys Radikalposse Höllenangst (1849) eröffnet einen lächerichen, kaum streifenbreiten Sehschlitz zurück in die allerjüngste Vergangenheit: Die revolutionären 48er-Barrikaden, zusammengewürfelte Schanzen aus Bürgertollheit und Mieselsucht, sind kaum fertig erstürmt. Die verhaltensauffälligsten Zeitungs-"Redaktoren", von der Zwangsmacht der Gegenreaktion eilends füsiliert, sind gar nicht rasch genug verscharrt worden.

Da beginnt die Stimmung in Alt-Wien (und damit in Festspiel-Salzburg) auch schon wieder hintüber zu kippen: Übrig geblieben sind die geheimrätlichen Konspirateure, neonröhrenbleiche Kinder des Systems Metternich. Die zylindergeschmückten Wortauffänger des sich zählebig hinter der eigenen Depression verbarrikadierenden, aber tüchtig schimpfenden Kleinbürgertums an der Schwelle zum Elendsproletariat.

Versprengte Infanteristen irgendeines Linienregiments huschen über Martin Zehetgrubers naturholzlichte Einbaukastenbühne im Salzburger Landestheater. Als stürmten sie bereits untergangsmunter voran: nach Novara, Königgrätz. Mitten hinein auch in die heißen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, in den Ständestaat. Und in die schwer greifbare Depression des EU-Landes Österreich heute.

Ihre Bajonette müssten eigentlich auf den abergläubischen Schusterssohn Knierim (Nicholas Ofczarek) unentwegt einstechen: einen vor Verdruss bäuchlings aufgewölbten Vorstadtphilosophen, der in Martin Kušejs Albtraumkastenburg das Denken nachrevolutionär neu erfindet. Der sein weiches Kindergesicht sozusagen mit dem Straßendreck der Einsicht zur Kenntlichkeit verschmiert.

Er hegt den monumentalsten Verdacht gegen die vernunftgemäße Einrichtung einer Wirklichkeit, die mit ihren eigenen Prämissen ein wüstes Tollhaus unterhält: Der Oberrichter (Joachim Meyerhoff), eigentlich ein verrückter Menschenkundler mit verfitzten Haarsträhnen, fällt vom Fenster seiner Geliebten – ein Käfer an wippenden Kastentüren – kopfüber hinein in die Elendskiste der Flickschusterfamilie Pfrim. Dort unterhält der Vater (Martin Schwab) aufgrund gleichmäßiger Weinbedunstung – und einer großartig hochfahrenden Volksschauspielkunst – ein Schreckensregiment der Asozialität. Jeder sein eigener, kleiner Metternich: Es gehört zu den gar nicht gering zu veranschlagenden Vorzügen von Kušejs Nestroy-Versuch, den versammelten Kakerlaken das allgegenwärtige Terrorregime als das immer gleiche Entbehrungsmuster, als die Bedingung für Selbstquälerei und Aberglauben zugrunde zu legen. Es ist zutiefst österreichisch: Ein Straßensänger aus der letzten Hotelbar (Louie Austen) trällert zu Bert Wredes TripHop englisches Gossenlatein, von "aliens", die hier die Straße herunterwanken. Kein gedeihliches Miteinander scheint im Mottenkugelland denkbar.

Außer, man ruft eben den Teufel an: Der halte immerhin diverse Rechtsprinzipien und die eigene Großmutter in hohen Ehren, ruft Wendelin. Es ist stets die "vierte Wand" der Zuschauer, gegen die Kušej sein bedrohlich charmantes Alias toben lässt.

Falscher Teufel

Die fälschlich für den Teufel gehaltene, von Gewitterdonner übertoste Erscheinung des Richters verkehrt jene Prinzipien, für deren Einhaltung ansonsten die Repression bürgt, noch einmal in ihr Gegenteil: Lassen sich Kušejs Komödienzurüstungen noch einigermaßen breit und schematisch an, so kratzt er unter dem baufälligen Gerüst dieser doch arg minderen Nestroy-Arbeit noch einmal den Kehricht hervor.

Kušej wühlt in einem Schmutz, den er mit den Ausläufern heimischer Untertanenmentalität grell und streng zusammenlegt. Er ruft: Schaut euch doch selber an! Er ist der Festspielstädter, der mit der Melancholie lockt. Der der Upperclass vorrechnet, womit diese ihren Eintritt in die repräsentative Semiprominenz erkauft hat. Es geht daher um Verschuldungsfragen – und darum, dass keiner wirklich die Kosten erlegen kann.

Der Oberrichter aber (Meyerhoff) möchte an dem teufelsgläubigen Gehilfen Wendelin alles wieder gutmachen. Dieser Leptosom steckt sich vor dem eigenen Kammerdiener das Verkleidungswäschepaket seiner nächtlichen Eskapaden in die Unterhosen: ein Omnipotenzbeweis. Er ist von der einfachsten Intrigenstellerei absehbar überfordert. Ein Sozialwissenschafter "avant la lettre": ein Insektenkundler im schillernden Seidenschlafrock, der, obwohl oberster Hüter einer skandalös-fragilen Ordnung, nur dann Gutes tun kann, wenn er das Leiden seines Gegenübers am eigenen Leib verspürt.

Kušej packt im Vorübergehen die Typen der letzten (und der vorletzten) Moderne in seinen Inszenierungskorb ein: darin findet sich das selbstbestimmte Frauenzimmer (Caroline Peters als vor Sprödheit tolle Wendelins Verlobte) ebenso wie der migränegeplagte Hausherr und Mündelschänder (Johannes Krisch), der in heiklen politischen Wechsellagen das Brando-Kaubackengesicht aus dem ersten Paten aufsetzt.

Gegen Schluss tauscht Zehetgruber die Holzpanele gegen verschmierte Spiegel: Es gibt absehbar nichts, was mit damals vergleichbar wäre – keine zerschossenen Barrikaden, nirgends. Aber das Zeitalter unausgesetzter Restauration erfordert Komödienregisseure wie Martin Kušej: kaum begabt zum Lachen, aber von der Gabe des Nachfragens wie von einer heilsamen Plage befallen. Großes Theater. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2006)

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    Wie man im Spiegelstadium aus allen Wolken fällt: Nicholas Ofczarek mit Caroline Peters.

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