Mehr Show als Qualität

20. Juli 2007, 16:43
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Wenig motiviertes Eröffnungskonzert bei den Salzburger Festspielen

Salzburg – Inwieweit der Hype, der der Salzburger Premiere von Mozarts Figaro rund um Anna Netrebko entgegenfiebert, sich mit den hehren künstlerischen Zielen von Regisseur Claus Guth und Dirigent Nikolaus Harnoncourt verträgt, wird sich am Mittwoch zeigen – ebenso ob alle Vorschusslorbeeren zu Recht vergeben wurden.

Dass sich die Dimensionen des Jubels zur Höhe der Kartenpreise unmittelbar proportional verhalten, ist ein nicht nur bei den Salzburger Festspielen alle Jahre wieder zu beobachtendes Phänomen, und schon Theodor W. Adorno hat messerscharf analysiert, dass der Bürger vermeine, mit dem Kauf der Karte gleich das Erlebnis mit zu erwerben. Dies ließ sich auch beim diesjährigen Eröffnungskonzert im Großen Festspielhaus feststellen, in dem sich große Namen, noble Roben und viel Applaus am Sonntagabend ein Stelldichein gaben.

Daniel Barenboim saß zwar bei Mozarts "B-Dur-Klavierkonzert", bei dem er die Wiener Philharmoniker dem Programm nach auch dirigierte, mit dem Rücken zum Publikum, ließ sich jedoch kaum eine Gelegenheit zur optisch wirksamen Gebärde entgehen. Doch tat er dies vornehmlich zu dem Zweck, das ohnehin gerade Gespielte a posteriori effektvoll zu visualisieren, anstelle es aktiv zu lenken. Akustisch ging es dabei bescheiden zu: Unausgegoren und uneinheitlich gestaltete der Pianist seinen Part, wobei extrovertierte Gestaltungsideen zu einem Panoptikum aus merkwürdigem Pathos, unkontrolliertem Davoneilen sowie – als wär’s Chopin – schubweise auftretender Subjektivität führte. Dies setzte sich auch im Orchester fort, mit plötzlichen Härten und manchem übertriebenen Effekt.

Zuvor schon hatte man die "Haffner-Symphonie" – trotz des einen oder anderen Bades im Wohlklang – insgesamt enttäuschend glatt und farblos zelebriert, mit großem Effekt, doch im Kleinräumigen undifferenziert und insgesamt allzu gemächlich.

Einen Gegenpol dazu hätte die eingezwängte Uraufführung bilden können, eines jener Auftragswerke, mit denen Intendant Peter Ruzicka den "Festspielen" zum Abschied ein Facelifting verpassen wollte. Doch erwies sich der geforderte Mozart-Bezug auch für Johannes Maria Staud als ästhetische Knacknuss, lässt sich doch die musikalische Sprache des Salzburger Jubilars kaum mit jener der zeitgenössischen Musik vermitteln.

Der 32-jährige in London lebende Tiroler versuchte es in "Segue – Musik für Violoncello und Orchester " mit der Strategie des Bruchs. Er instrumentierte und vervollständigte zunächst das Mozart’sche Fragment einer Cellosonate, um diese – exquisit rekonstruierte – Klangwelt dann jäh zu verlassen. Seine handwerklich brillant gearbeitete Partitur aus sich wellenartig ausbreitenden Klangmassen, säuselnd gewobenen Fäden und mit differenziert behandeltem Schlagzeuganteil überzeugte allerdings – wohl auch des halbherzigen Orchesters wegen – nicht vollständig. Immerhin durfte Solist Heinrich Schiff sein Cello ruppig grummeln und wie eine singende Säge aufjaulen lassen oder nur mit dem Stimmwirbel die letzten gleitenden Melodien spielen – doch auch er tat für einen hochkarätigen Festspielauftakt letztlich zu wenig. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2006)

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