Wo Asien anfängt, muss Europa nicht enden

28. Juli 2006, 10:36
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Im Norden: Meer. Im Süden: Meer. Im Westen: noch mehr Meer. Der Streit um Europas äußerste Grenzen spielt sich nur im Osten des Kontinents ab

Die "Europäische" Union, der "europäische" Gedanke, die Staaten "Europas" - Begriffe, die in der Diskussion ohne lange Erklärungen verwendet werden, sind bei Weitem nicht so eindeutig, wie es scheint.

Wer von Europa spricht, meint heutzutage häufig die Europäische Union, manchmal auch noch Russland, oft auch die Türkei oder Teile von ihr. Israel nimmt am Eurovisions-Songcontest teil, liegt aber geographisch außerhalb von Europa. In der Antike stand außer Diskussion, dass auch Nordafrika zum Kontinent Europa gehört. Die Türkei hat zwar nur zwei Prozent ihres Staatsgebietes auf "europäischem" Boden, ein Betritt zur EU wird dennoch überlegt. Die europanahen GUS-Staaten drängen mehr nach Westen denn nach Osten.

Keine klaren Linien

Was, und vor allem Wo, ist also Europa? Gibt es eindeutige Grenzen, an die wir uns halten können, klare Linien, die die Jahrhunderte überdauert haben?

"Europa ist eine Idee, die sich verändert". Hermann Suida, Geograph an der Uni Salzburg, warnt davor, die geographischen Gegebenheiten als unumstößliche Bruchlinie zu sehen. Vor allem die Ostgrenze sei stetigen historisch-kulturellen Interpretationen ausgesetzt. "Das ist ein geographisch-philosophischer Streit", so Suida.

Nordmeer, Mittelmeer und Atlantik bilden natürliche Grenzen, die dazu führen, dass der europäische Kontinent über Jahrhunderte zumindest in diesen drei Himmelrichtungen unstrittig abgegrenzt war. An der Ostseite ist Europas geographische Abgrenzung nicht so simpel. Zwar bildet das Uralgebirge eine klare Linie, die die eurasische Landmasse vertikal spaltet, am südlichen Ende der Bergkette fangen aber die Unklarheiten an. Vor allem das Gebiet rund ums schwarze Meer steht mit einem Fuß in Asien, mit dem anderen in Europa. Hier behilft man sich dann mit Wasserscheiden, mit Kultureinflüssen oder mit Sprachgrenzen um das "Europäische" oder das "Asiatische" eines Gebietes zu begründen.

Weltreiche verändern sich

Dass Europas Grenze im Osten keineswegs in Stein gemeißelt ist, zeigen auch die Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte: Es gab Zeiten, in denen Europa über das schwarze Meer hinaus bis an den Ob reichte, in der Antike hingegen fing Asien schon bei der Wolga an. "Wie Weltreiche entstanden oder vergangen sind, das war immer auch eine Frage der Veränderung von Grenzen", erklärt Suida. "Das Bild von Europa entsteht immer aus der Kovention eines Jahrhunderts heraus, aus einem Staatsgedanken heraus, aus einer Wissenschaftsidee heraus."

Dass eine fix gezogene Ostgrenze überhaupt notwendig ist, bezweifelt Suida auch aus folgendem Grund: "In Wahrheit ist Eurasien eine riesige Landmasse, ein einziger riesiger Kontinent." Wenn man Europa schon aus kulturellen Gründen abgrenzen wolle, müsse man eben akzeptieren, dass die Grenze immer eine verschwommene bleibe. (Anita Zielina)

  • Europa in der Ära der Kreuzzüge.
    karte: www.lib.utexas.edu/

    Europa in der Ära der Kreuzzüge.

  • Europa 1815
    www.lib.utexas.edu

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  • Europa zur Zeit Karl des Großen (814)
    www.lib.utexas.edu

    Europa zur Zeit Karl des Großen (814)

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