Die gläserne Decke im ländlichen Raum

24. Juli 2006, 10:49
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Fast keine Spitzenpositionen für Frauen

Wien - In Zeiten einer Gleichstellung der Geschlechter - oder zumindest dem ernsten Anspruch dazu - sind frauenfreie Zonen in der Politik und in Interessenvertretungen selten geworden. Als einen dieser Ausnahmefälle beschreibt die Agrarökonomin und Soziologin Theresia Oedl-Wieser die oberen Etagen des bekanntlich nicht nur in landwirtschaftlichen Belangen mächtigen Österreichischen Raiffeisenverbands.

Sämtliche Entscheidungsgremien der geschichtsträchtigen Bauerngenossenschaft mit ihrem modernen, international agierenden Bankensektor seien "ausschließlich von Männern besetzt", schreibt Oedl-Wieser in ihrer Studie "Frauen und Politik am Land", der ersten wirklich umfassenden derartigen Expertise in Österreich. Von der Raiffeisen-Generalanwaltschaft mit ihren 13, über den Vorstand mit 33 Mitgliedern, die leitenden Positionen bei Verbänden und Banken bis hin zum Aufsichtsrat der Raiffeisen Ware Austria AG: "alles Männer".

Nur beim Molkereiverband Berglandmilch habe es bisher eine Frau zum Vorstandsmitglied gebracht. Während sich hierarchisch weiter unten, in den Raiffeisen-Mitgliederorganisationen, 30 Prozent Frauen engagierten: anteilsmäßig etwa so viele, wie es in landwirtschaftlichen Betrieben derzeit Betriebsleiterinnen gibt - Tendenz steigend.

Hegemoniale Männlichkeit

Äußerst karg sei die Gleichstellungsausbeute aber auch in anderen ruralen Gremien und Organisationen, bringt die Mitarbeiterin der im schwarzen Agrarbereich als rot verschrienen Bundesanstalt für Bergbauernfragen zu Papier. Unter neun AgrarlandesrätInnen in Österreich eine Frau, in 15 Agrarbezirksbehörden eine Leiterin, in den Bezirksbauernkammern unter 65 Obleuten und 80 Sekretären je ein weibliches Mitglied - laut Oedl-Wieser ein Bild "hegemonialer Männlichkeit".

Auf kommunalpolitischer Ebene wiederum, einer "klassischen Einstiegsmöglichkeit"für Interessierte in die Politik, dümple der Bürgermeisterinnenanteil bei 3,1, der Gemeinderätinnenanteil bei 14 Prozent. Der tendenzielle Verzicht auf die "Expertise und das Potenzial der Frauen"im ländlichen Raum - so der Leiter der Bundesanstalt, Josef Krammer - führe zu einer größeren Lebensferne der Entscheidungen in den verantwortlichen Gremien, von den lokalen bis hinauf in die EU.

Genehmigungspflicht

Dieses Defizit können laut Studie auch die ländlichen Frauenorganisationen nicht aufwiegen. Die wichtigste unter ihnen, die ÖVP-dominierte Arbeitsgemeinschaft Österreichische Bäuerinnen, verfügt in der Landwirtschaftskammer über keinen eigenen Budgeteinsatz und muss jedes Sitzungsprotokoll vom Präsidenten genehmigen lassen.

Genehmigungspflichtig - in diesem Fall jedoch durch das Landwirtschaftsministerium - wäre auch ein Interview mit der Autorin der vorliegenden Expertisen gewesen. Aufgrund von "Missverständnissen in Sachen Öffentlichkeitsarbeit"wurde das Gespräch verwehrt. Stattdessen war aus dem Ministerium zu erfahren, dass es in Sachen Frauengleichstellung auf dem Land "Aufholbedarf"gebe. (Irene Brickner, DER STANDARD, Print, 24.7.2006)

Theresia Oedl-Wieser, "Frauen und Politik am Land". Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien 2005, 171 S.
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