Nicht umzubringen

4. Juli 2007, 15:22
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Die Herrn Radprofis haben alles gegeben, um dem Mythos der "großen Schleife" Leben einzu­hauchen - ein Kommentar

Fad war sie nicht, die 93. Tour de France. Die Herrn Radprofis haben jedenfalls alles gegeben, um dem Mythos der "großen Schleife" Leben einzuhauchen. Dass sich die beiden Topfavoriten Jan Ullrich und Ivan Basso durch ihre - nicht endgültig bewiesenen - Kontakte zu einem spanischen Dopingarzt selbst aus dem Rennen genommen haben, war ein erster, meisterlicher Beitrag zum Aufbau des Spannungsbogens.

Die traditionell eher flauen Auftaktetappen, die nur zu packen wissen, wenn sich die Sprinter ihrem selbstmörderisch anmutenden Tun hingeben, wurden dank der immer neuen Spekulationen, wer seinen Körper wann und wie manipuliert haben könnte, deutlich aufgewertet.

Als es dann bergig, also quasi ernst wurde, hielt die Frage auf Trab, wer aus der Anarchie eines nicht von Lance Armstrong kontrollierten Feldes Kapital schlagen und in die Favoritenrolle schlüpfen könnte. Als die Frage durch Floyd Landis beantwortet schien, erwischte der US-Amerikaner einen schlechten Tag, um wenig später eines der spektakulären Comebacks der 103-jährigen Tour-Geschichte zu schaffen. Dass der Mann mit einem zerbröselnden Hüftknochen aufs Siegespodest nach Paris radelte, gehört fast schon zur Folklore dieses Sportevents.

Die Klage von Experten, das Niveau sei durch das Fernsein so vieler Spitzenprofis gesunken, erschließt sich dem TV-Konsumenten auch nicht. Immerhin hat der Schnellste in rund 90 Stunden reiner Fahrzeit 3657 mit mehr als 80 Bergwertungen aller Kategorien (vom farblich zu dick aufgetragenen Zebrastreifen bis zum 2646 Meter hohen Galibier) geschmückten Kilometer zurückgelegt. Der Langsamste hat rund vier Stunden mehr gebraucht. Das ist, egal was die Experten sagen, ohnehin nicht fassbar. Das ist also die Tour, die nicht umzubringen sein wird. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 24. Juli 2006, Sigi Lützow)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Finale Szenen der Tour.

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