"Gespräche über eine Teilung Bagdads"

25. Juli 2006, 07:14
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Mehr als 60 Tote bei Attentaten - Versöhnungsprozess im Irak praktisch gescheitert - Fast 6000 Tote in zwei Monaten

Bagdad - Trotz der Bemühungen führender Politiker um ei-ne Aussöhnung der Bevölkerungsgruppen im Irak sind am Wochenende bei neuen Gewaltausbrüchen mehr als hundert Menschen getötet worden.

Vor einem Gerichtsgebäude in der Stadt Kirkuk explodierte am Sonntag eine Autobombe und riss 20 Zivilisten in den Tod. In Bagdad starben mindestens 36 Menschen - vermutlich durch ein Selbst- mordattentat. Nur einen Tag zuvor hatten in der Hauptstadt führende Politiker an der ersten Sitzung der Kommission zur nationalen Aussöhnung teilgenommen, die ein Zeichen der Solidarität zwischen den religiösen und ethnischen Gruppen des Landes setzen sollte.

Trotz der anhaltenden Bemühungen um eine nationale Aussöhnung zeigen sich immer mehr Politiker skeptisch. Er habe keine Hoffnung, dass die Gespräche die Spannungen zwischen den Gruppen abbauen könnten, sagte ein sunnitischer Vertreter: "Es gab solche Treffen früher schon, und sie haben zu nichts geführt."Die größte Partei der Sunniten nahm an der Sitzung gar nicht erst teil.

"Die Parteien sind zu Plan B übergegangen"

Aus irakischen Regierungskreisen verlautete, dass die Regierung inoffiziell die politische Aussöhnung des Irak angesichts der Gewalt schon aufgegeben habe. "Die Parteien sind zu Plan B übergegangen", sagte ein Vertreter der Regierung, der anonym bleiben wollte, da offiziell noch an der Einheit des Landes festgehalten werde.

Schiiten, Sunniten und Kurden überlegten bereits, wie die Macht und die Ressourcen des Landes aufgeteilt werden könnten. "Es gibt zudem ernsthafte Gespräche über eine Teilung Bagdads in Ost und West", sagte der Politiker, der sich lange für das Erreichen der Ziele der gegenwärtigen Regierung eingesetzt hat. "Wir sind außerordentlich besorgt", fügte er hinzu.

"Diejenigen, die sich dem politischen Prozess in den Weg stellen, wollen zurück zur Diktatur", hieß es in der Rede, mit der Ministerpräsident Nuri al-Maliki die Sitzung am Samstag offiziell eröffnete. Bisher hat es sein 24-Punkte-Plan zur Aussöhnung jedoch nicht geschafft, die Gewalt im Land zu stoppen. Jeden Tag sterben allein in der Hauptstadt Bagdad im Schnitt rund 30 bis 50 Menschen durch Anschläge oder Gefechte. In den Monaten Mai und Juni kamen im Irak fast 6000 Menschen bei Gewaltakten ums Leben. (DER STANDARD, Printausgabe, 24. juli 2006)

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