Im Licht der gleißenden Sonne: Rund­gang durch Salzburgs Kunstlandschaft

4. August 2006, 13:03
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Internationale Kunst mit Oberflächen- und Tiefenwirkung: Dichtes Kontrastprogramm zwischen den Gruppenaustellungen "Soleil Noir" und "Rundumschlag" bis zu Mapplethorpe

Salzburg - Stimmungsschwankungen sind ohnehin vorprogrammiert, wenn man sich bei der brütenden Hitze durch die Salzburger Innenstadt bewegt, und deswegen kommt einem die Berg- und Talfahrt durch die Salzburger Kunstlandschaft gefühlsmäßig eigentlich ziemlich entgegen.

Am intensivsten hinein in die menschlichen Höhen und Tiefen greift der Salzburger Kunstverein, der sich unter dem Titel Soleil Noir(bis 10.9.) dem Verhältnis von "Depression und Gesellschaft"widmet. Ein DIN-A4-Blatt, auf dem der US-amerikanische Konzeptkünstler Dan Graham die Nebeneffekte von Psychopharmaka notierte, führt gleich zu Beginn weg von den primären Reaktionen auf die Erkrankung, die in der Ausstellung gar nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Vielmehr verhandeln die ausgewählten künstlerischen Positionen ein ziemlich breites Spektrum individueller und kollektiver Verstimmungen, die nach Freud immer auf "(un-)bewussten Verlusten"basieren.

Wie sich der Verlust politischer Ideale in Gesellschaften manifestiert, zeigt dort die Videoarbeit March 2005von Olga Chernysheva, die die Moskauer Feierlichkeiten zur Bewerbung für die olympischen Spiele 2008 in ihrer fast komischen Tristesse fokussiert, und auch die Illusion City von Gerd Löffler, die auf Psychopharmaka bzw. ihre Verpackungen baut, thematisiert die Fragilität vermeintlich stabiler Gesellschaften.

Näher heran an individuelle Befindlichkeiten führen die legendären Electronic Diaries von Lynn Hershman oder das Wall Projectder jungen rumänischen Künstlerin Iaona Nemes. Während ihre "Monthly Evaluations"der persönlichen Befindlichkeit in Form einer schokoladefarbenen Wandarbeit eher witzig ausfallen, kommen Gülsün Karamustafa und Ingrid Wildi allerdings wirklich zur Sache. Die türkische Künstlerin interviewte für ihre Videoarbeit Making of the Walldrei ehemalige Regimegegnerinnen, die von ihren Gefängnisaufenthalten erzählen, und Ingrid Wildi porträtiert ihren an Depressionen leidenden Bruder.

Die hoch komplizierten Gedankengänge, die hier versprachlicht werden, übertragen Otto Zitko und Maria Bussmann auf Wände und Papier, während Anita Leisz mit ihrer Installation Neighbours den emotional schwer greifbaren Verlust existenzieller Sicherheiten abstrahiert und damit vielleicht sogar am adäquatesten konkretisiert.

Parallelinstallationen

Vom Kunstverein hinaus in die Stadt führt einen dann die parallel laufende Einzelausstellung von Bernhard Cella, der sämtliche Bilder im Centralhotel Gablerbräu durch seine Fotografien von weniger noblen Schlafstätten auf Pariser Straßen ersetzte.

Untergebracht waren in dem Hotel möglicherweise auch einige der internationalen Gäste, die sich die Eröffnung der neuen Räumlichkeiten bei Thaddaeus Ropac nicht entgehen ließen.

Die als "Annex" bezeichnete, nahe gelegene Dependance beherbergt diesen Sommer Fotografien von Robert Mapplethorpe (bis 5.9.), die Robert Wilson ausgewählt hat. Von oben bis unten vom US-Regisseur, Autor und Künstler durchinszeniert, evoziert das mit hellblauen Spannteppichen ausgelegte Setting die wohlige Intimität von einem englischen Einfamilienhaus.

Im Haupthaus versammelt Ropac 16 Künstler der Galerie (Cory Arcangle, Tony Cragg, Sylvie Fleury, Anselm Kiefer, Gerwald Rockenschaub u. a.), die das klassische Genre Landschaft unter dem Titel Bucolica(bis 28.8.) neu interpretieren, und die Galerie Ruzicska holt diesen Sommer zum Rundumschlag(bis 12.8.) aus.

Als Teaser für die kommende Einzelausstellung von Brigitte Kowanz (ab Mitte August) wurde ihre Glasskulptur Energyin diese Gruppenausstellung integriert, in der die raumgreifende Spiegelinstallation von Gary Webb die Oberflächenwirkung der Neonarbeiten von Maurizio Nannucci, der Hochglanzfotografien von Giovanni Castell und der farbenkräftigen Gemälde von Edgar Bryan über Christiane Hutzinger bis Ruth Root ins Unendliche potenziert. (Christa Benzer/DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2006)

  • Auf den Spuren der US-amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath: das Ölgemälde "Frieda und Sylvia, London 1960"von Pawel Ksiazek.
    foto: salzburger kunstverein

    Auf den Spuren der US-amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath: das Ölgemälde "Frieda und Sylvia, London 1960"von Pawel Ksiazek.

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