Zwischen Ruin und gutem Verdienst

29. Jänner 2007, 14:42
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Taugen Ärzte als Unternehmer und woran scheitern sie? Steuerberaterin Kraft-Kinz und der unter­nehmerische Gynäkologe Adam in einer STANDARD - Diskussion

Steuerberaterin Kraft-Kinz rät Ärzten dringend zur Langzeitplanung, Gynäkologe Michael Adam ist als Unternehmer über Kapazitätenberechnungen gestolpert. Wo sind die Fallstricke, wo die Chancen? Bert Ehgartnerbat die auf Medizinberufe spezialisierte Steuerberaterin Iris Kraft-Kinz und den Gynäkologen Michael Adam, der mit einem Geburtshaus-Projekt gescheitert ist, zur Diskussion.


STANDARD: Herr Doktor Adam, haben Sie den Abschied von Ihrem Geburtshaus Nussdorf schon verwunden?

Adam: Ein halbes Jahr habe ich schon sehr gelitten. Jetzt ist es so was wie eine Episode in meinem Leben. Eigentlich hätten wir schon zwei oder drei Jahre früher zusperren sollen, weil wir dann sogar noch einen operativen Verlust hatten. Und ich hab's nicht glauben können.

Kraft-Kinz:
Diese Frage stellt sich auch bei den von mir betreuten Ärzten manchmal. Man sieht nicht immer, dass man mitten drin in einer bedenklichen Entwicklung steckt. Da kann der fachliche Blick von außen helfen.

Adam: Wir dachten, wenn wir eine entsprechende Leistung abliefern, dann wird das Werkl auf ewig laufen. Das war der größte Irrtum. Anfangs haben wir überhaupt keine Werbung machen müssen und hatten sofort eine wunderbare Presse. Das beste Marketing kam von unseren Gegnern: Universitätsprofessoren, die vor uns gewarnt haben. Da waren wir in aller Munde. In dem Moment aber, als unsere Gegner umgeschwenkt sind, uns plötzlich gelobt haben und sagten, sie machen das jetzt selbst auch so wie wir, hatten wir keine Chance mehr.

STANDARD: Weil es für Frauen, die bei Ihnen entbunden haben, zu wenig finanzielle Unterstützung gab?

Adam: Gar keine! Die Frauen mussten selbst zahlen. Bei uns musste man für eine Entbindung, die man in jedem Spital gratis bekommen kann, zahlen. Wir haben viel zu spät erkannt, dass es nicht genügt, bloß gute Leistung zu bringen.

Kraft-Kinz:
Ich kenne gar nicht so wenige Ärzte, die eine regelrechte Scheu davor haben, über das Gute, das sie leisten, auch zu sprechen. Jeder andere Unternehmer gibt Pressekonferenzen und macht Einschaltungen, während der Arzt glaubt: Es ist eh jedem klar, dass ich das Beste tue.

STANDARD: Sollte man das tausendste Baby öffentlich der Presse vorstellen?

Kraft-Kinz:
Ja! Ärzte sollten sich besser promoten, sich mit den Erfolgen an die Öffentlichkeit, vor allem aber an ihre eigenen Patienten wenden.

Adam: Dazu fällt mir allerdings auch eine Gefahr ein. Wir haben öffentlich unsere Geburtenstatistik präsentiert, die besser war als in vielen anderen Häusern. Allerdings haben wir auch das Negative hin-eingeschrieben, wenn mal ei-ne Totgeburt vorgekommen ist. Und das war ein extremer Fehler. Denn die Menschen lesen in der Statistik "Totgeburt"und erschrecken, dass dort Kinder sterben, und wissen nicht, dass überall Kinder auch sterben können. Die Zahl macht den Unterschied und nicht das Faktum.

Kraft-Kinz:
Deshalb empfehle ich Ärzten, dass sie die Werbe- und Marketingbelange besser außer Haus geben. Ärzte haben aber oft den hohen Anspruch des Alleskönnens, sie tun sich schwer, auch etwas Arztfremdes aus der Hand zu geben.

STANDARD: Sind Ärzte begabte Unternehmer?

Kraft-Kinz:
Bei all den tollen Leistungen des Berufs sind Zahlen an sich für Ärzte oft nicht wirklich interessant. Solange sie genügend Cash haben, um zu leben, planen sie kaufmännisch nicht wirklich voraus. Die Zeit, die nebenbei bleibt, ist ja auch kostbar. Von Vorausplanung sind einige weit entfernt. Das wäre aber manchmal notwendig, nicht erst, wenn irgendwo schon ein rotes Lamperl leuchtet.

STANDARD: Was sind die häufigsten Fallstricke?

Kraft-Kinz:
Kostenunterschätzungen passieren betrieblich vor allem beim Personal. Da werden im Überschwang Dienstnehmer eingestellt, die man dann schwer wieder kündigen kann, zum einen aus rechtlichen Gründen, zum anderen auch, weil sich eine emotionale Bindung ergibt. Das zweite Problem sind die oft sehr hohen Investitionen im privaten Bereich.

STANDARD: Handelt es sich dabei um Statussymbole oder sind das Selbstbelohnungen für den schweren Job?

Kraft-Kinz:
Wahrscheinlich beides. Die meisten sind verheiratet und haben Kinder. Sie sind meist gut versichert und noch nicht so lange in der eigenen Ordination. Dort laufen auch noch die Kredite. Und dann kommen private Ansprüche in einem Ausmaß, das meistens zu hoch ist.

Adam: Ich habe sogar einen Wifi-Kurs besucht, um mir die wirtschaftlichen Grundbegriffe anzueignen. Der Leiter hat mich allerdings wieder heimgeschickt. Er hat gesagt: "Sie brauchen keine Kalkulationen, Sie brauchen eine ordentliche Auslastung - und das ist alles!"

STANDARD: Und war das tatsächlich die Patentlösung?

Adam: Wahrscheinlich schon - wenn wir nicht einen wirklich verheerenden Fehler gemacht hätten: Wir haben uns nämlich ausgerechnet, mit wie vielen Geburten wir anständige Arbeit abliefern können - und was uns überfordert. Wenn dann die 29. oder 30. Frau im Monat kam, haben alle gestöhnt. Das spüren die Menschen aber, wenn man zögert. Und dann kommen sie wirklich nicht mehr. Wenn man in einem so kleinen Segment fischt, muss man bei der Aquisition immer das Maximum anstreben. Wenn man das Maximum nicht will, kriegt man nicht mal das Minimum! Das weiß ich heute.

Kraft-Kinz:
Sie haben sich selbst eine Grenze gesetzt, die Sie beschränkt hat. Deswegen legen wir einen Schwerpunkt auf die Planung. Das wirkt Wunder. Planen ist nichts Lustiges. Das macht Arbeit und Mühe. Wenn man aber mal einen Fünfjahresplan hat, dann erreichen Sie die Ergebnisse meist schon nach zweieinhalb Jahren.

Allein durch die Strukturierung wird man so zielorientiert, dass man wirtschaftlich doppelt so schnell ist. Und man kann von vornherein berechnen, ob sich eine Investition lohnt oder nicht.

Adam: Die meisten Jungen wissen ja nicht, dass der Grat zwischen finanziellem Ruin und gutem Verdienst wahnsinnig schmal ist. Bei der sechzehnten Geburt haben wir noch ein Minus gemacht, die zwanzigste haben wir schon brutto für netto eingesteckt.

STANDARD: Welche Rolle spielt denn der Kassenvertrag für das wirtschaftliche Überleben der Ärzte?

Adam: Nussdorf würde mit Kassenvertrag heute noch leben.

Kraft-Kinz:
Die Patienten haben in Österreich schon die Einstellung, dass die E-Card ihnen die Tür zu einer guten Medizin öffnet. Der Wille, aus eigener Tasche dazuzuzahlen. ist nicht weit verbreitet.

STANDARD: Was raten Sie dann den vielen jungen Ärzten, die keine Verträge bekommen. Wie macht man als Wahlarzt vernünftige Werbung?

Kraft-Kinz:
So genannte kalte Adressen - also Aussendungen an unbekannt - bringen nach unserer Erfahrung wenig. Wir haben jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in der Vollblüte ihres Arbeitslebens. Das Angebot ist also wesentlich größer als die Nachfrage. Wir raten den Jungen, sich Nischen zu suchen und Dinge anzubieten, die andere nicht können. Außerdem sollten sie mobil und flexibel sein, Hausbesuche machen, zu Zeiten erreichbar sein, in denen andere nicht da sind, mit der Presse zusammenarbeiten.

Adam: Presse, na ja. Ich bin skeptisch, ob das wirkliche Werbung ist. Ich war ja im News-Ranking der Promi-Ärzte immer ganz oben. Aber kein einziges Mal hat eine Patientin gesagt, dass sie deshalb zu mir kommt. Ich bin sehr ratlos, was ich jungen Kollegen Ermutigendes sagen soll. Allein wenn ich die Ärztezeitung lese, steht dort immer, wer auf- und wer zusperrrt. Und momentan sperren dreimal so viele neue Praxen auf, als Kollegen in Pension gehen. Das sind wirtschaftliche Katastrophen, wie sollen die ihr ökonomisches Auskommen finden!

Kraft-Kinz:
Es ist das besondere Service, das wirklich greift. Das ergibt dann Patienten, die in ihrem ganzen Umfeld Werbung für Sie machen. Es geht wirklich darum, das anzubieten, was der Praktiker daneben nicht kann, weil er eine bummvolle Kassenordination hat und bis oben zu ist. Ich sage allen Klienten: Geht hin, seid erreichbar!

Adam: Ja, Erreichbarkeit ist ein wichtiges Kriterium. Früher hatte ich Hemmungen, meine Handynummer herzugeben. Heute kriegt sie jeder. Die Leute missbrauchen das nicht. Ein hübsches Wartezimmer ist auch von Bedeutung. Das sind Sachen, die Männer gar nicht sehen. Legen Sie Bücher hin, Spielzeug für die Kinder.

Kraft-Kinz:
Und schreiben Sie hinten auf die Visitenkarte, wie man die Ordination findet und wo es Parkplätze gibt oder die nächste U-Bahn-Station.

STANDARD: Haben Gruppenpraxen oder Ärztezentren Vorteile?

Kraft-Kinz:
Die meisten Ärzte scheuen das eher. Sie bleiben lieber allein, als dass sie sich auf mögliche Schwierigkeiten mit Partnern einlassen. Bei den jüngeren gibt's schon ein wenig Umdenken. Sie sehen auch Positives, etwa jederzeit fachliche Diskussionen untereinander führen zu können.

Adam: Ich habe mich am Anfang bei einem praktischen Arzt eingemietet und hatte nahezu null Investitionen. Ich würde allen raten, sich bei einem Kollegen einzumieten, anstatt sich in riesige Umbaukosten zu stürzen. Und wenn sie ein Ultraschallgerät oder Ähnliches brauchen, so können sie sich zu zweit ein besseres kaufen.

Zur Person
Iris Kraft-Kinz(43) ist gebürtige Grazerin und seit 14 Jahren als Steuer- und Unternehmensberaterin tätig. Im Jahr 2000 gründete sie mit ihren Partnern Hübner &Hübner, den auf Medizinberufe spezialisierten Beratungszweig "MedPlan". Mittlerweile betreut sie rund 700 Ärzte und Apotheker in ganz Österreich. Iris Kraft-Kinz lebt in Wien und hat eine einjährige Tochter.

Zur Person
Michael Adam(58) ist Gynäkologe und gründete 1986 "aus Unzufriedenheit mit der geburtshilflichen Landschaft in Österreich", wie er sagt, das Geburtshaus Nussdorf. Zu Blütezeiten waren dort 17 Personen beschäftigt. 2002 musste das Geburtshaus aus finanziellen Gründen schließen. Heute ist Adam Departmentleiter an der Semmelweisklinik in Wien. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Wien.

  • "Wir dachten, wenn wir eine entsprechende Leistung liefern, dann wird das Werkl ewig laufen. Das war der größte Irrtum." Michael Adam
    foto: standard/andy urban

    "Wir dachten, wenn wir eine entsprechende Leistung liefern, dann wird das Werkl ewig laufen. Das war der größte Irrtum." Michael Adam

  • Bei all den tollen Leistungen sind Zahlen für Ärzte oft nicht interessant. Solange sie Cash haben, planen sie kaufmännisch nicht wirklich voraus."Iris Kraft-Kinz
    foto: standard/andy urban

    Bei all den tollen Leistungen sind Zahlen für Ärzte oft nicht interessant. Solange sie Cash haben, planen sie kaufmännisch nicht wirklich voraus."Iris Kraft-Kinz

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