Kommentar der anderen: Die programmierte Provokation

20. Juli 2007, 16:43
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Olga Neuwirths Eröffnungsrede für Salzburg bzw. jene Passagen daraus, die daraus einen "provokantes Knallerlebnis" machten

Der Reihe nach: Erst wurde die Komponistin Olga Neuwirth von der Festpieldirektion eingeladen, eine Oper zu komponieren ("Der Fall W." - nach einem Libretto von Elfriede Jelinek). Dann wurde das Projekt - angeblich aus finanziellen Gründen - abgesagt. Dafür lud man die Künstlerin ein, zum Eröffnungssymposion "Die Festspiele im Spiegel des Künstlers -Visionen, Wünsche, Wirklichkeit" einen Vortrag zu halten. Neuwirth nahm an - und bescherte damit Publikum und Veranstaltern das, was die APA-Berichterstatter tags darauf einen "provokanten Knalleffekt zum Auftakt" nannten. Wir dokumentieren im Folgenden die Passagen, die dieses Hörerlebnis vermutlich provoziert haben.

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"Über welche Visionen soll gerade ich mit meiner Geschichte mit den Salzburger Festspielen sprechen? Das Thema "Die Festspiele im Spiegel der Künstler" klingt für mich hausbacken formuliert und es stellt sich bei mir sofort ein wenig Unbehagen ein. Als die hier mit ihrer persönlichen Erfahrung mit den Festspielen vor Ihnen stehende Komponistin bin ich schon selbst ein Spiegel eines Betriebs: Hier ist der Komponist, der seine Visionen nicht realisieren durfte, als Gespiegelter sichtbar - denn nur in dieser Künstlichkeit darf er vorhanden sein.

Der Programmtitel könnte sehr wohl auch "Erkenne dich selbst" heißen oder "Der Spiegel Festspiele als Prothese und Falle" oder "Der Spiegel als Prüfstein der Utopie", oder, was auf meinen Fall am ehesten zutrifft: "Der Künstler hinter den Spiegeln."

Denn: Wirklich darüber nachzudenken, was Visionen bedeuten könnten, ist für diesen Anlass hier reine Zeitvergeudung, da es ohnehin nur beim hohlen Gerede bleibt und formulierte Visionen oftmals nicht realisiert werden. Es geht nur um ein Sich-schmücken-wollen mit kreativen Ideen, die gar nicht in die Welt gesetzt werden sollen, da zu kompliziert, oder welche Ausrede auch immer herbeigeholt wird.

Die klassische Musikwelt ist die konservativste aller Kunstsparten. Die großen internationalen Musikfestivals, die eigentlich der Ort für Aufführungsmöglichkeiten jenseits der reinen Tradition sein sollten und könnten, hätten die Möglichkeit, im Zwei-Jahres-Abstand zumindest ein neues Musiktheater zu realisieren. Oder man möge endlich ohne Lügengeflechte zugeben, dass diese Festivals nur mehr Klangmuseen darstellen. Was kann man als Künstlerin einem Großspektakel für "Reich und Schön", auf dem komplexe Gedankengänge anscheinend nicht mehr zugelassen werden, entgegensetzen? Die Forderung nach klarer und übersichtlicher Form und der Wunsch, das Beste - was immer das auch in der Kunst heißen mag - aus der Vergangenheit zusammenzusetzen, hat schon vor über 60 Jahren zu einem Desaster geführt.

Als freischaffende Künstlerin einer zuversichtslosen Generation muss man sich jeden Tag neu erfinden. Sein Sein neu hinterfragen. Die Stimmung in unserer Zeit und ihre Politik ist so, dass man den erst-schaffenden Künstler als auswechselbares Stück Fleisch hernimmt und wieder wegstellt. Will man "zeitgenössische Musik", weil unökonomisch, wegrationalisieren?

Man darf als Künstler eine Schmuck-Gestalt sein, das gesteht man ihm gerade noch zu, will aber sonst mit ihm nichts zu tun haben. Man darf, so wie ich jetzt hier, wo es um nichts geht, denn es geht nicht um meine Musik, sogar mal Provokantes andeuten, aber es hat keine Relevanz. Noch dazu ist der Komponist in unserer Gesellschaft ohnehin ein Alien. Im so genannten "Musikland Österreich" ist der Komponist nicht einmal Teil der für alle anderen Kunstsparten geltenden Künstlersozialversicherung. Wir sind davon ausgeschlossen - und das im so genannten Mozart-Jahr.

Gerade Mozart aber ist der Repräsentant von Eigensinn und rasanten Parallelweltproduktionen. In der heutigen Gesellschaft wäre ein Mozart-Wesen mit all seinen psychotischen Begnadungen geradewegs in eine Klinik eingewiesen worden. Das ist der Ort, den man den Künstlern zugesteht. Visionen soll er haben, aber bitte niemanden damit stören, denn Imagination wirkt subversiv. Man bittet zwar um ausgesuchte Kleinst-Irritationen, die aber sofort wieder glatt gebügelt werden müssen.

Irritieren zu dürfen, ist für mich notwendig - auch im Kontext eines Großfestivals wie diesem. Es kann doch für einen Zeitgenossen nicht darum gehen, sich der Herrschaft des Ewig-Gestrigen im Kleide des Neo-Klassizismus zu unterwerfen. In regressiven Zeiten gibt man besonders gerne nur Konfektionsware in Auftrag. Neue Impulse werden durch solche ewigen Rückbesinnungen und Reproduktionen des Vergangenen vernichtet, das Immergleiche und Gesicherte hingegen bestätigt. Ich hoffe nicht, dass die Festspiele den "Spiegel des Zeitgeistes" widerspiegeln wollen, in dem Sinn, dass nur das schon Vertraute und Nicht-Störende das einzig Wahre und Richtige ist. Man kann sich in dieser von globaben Wirtschaftsplayern bestimmten Zeit nur der Lust am Paradox verschreiben und eine Haltung gegen falsche Harmoniesucht einnehmen.

Verachtung im Umgang mit Künstlern ist fehl am Platz. Gefragt wären Enthusiasmus, Leidenschaft und Mut zu Marginalisiertem - als Abgrenzung von der Arroganz der Macht und des Geldes sowie von der Gier nach Instant-Erfolgen." (DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wie Landeshauptfrau Gabi Burgstaller den "immergleichen" Festspiel-Tönen entkommt: Links, neben Bundespräsident Heinz Fischer, beim Salzburger Eröffnungszeremoniell 2005, rechts 2006.

  • Olga Neuwirth: 
Eigensinn unerwünscht?
    foto: standard/christian fischer

    Olga Neuwirth: Eigensinn unerwünscht?

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