Radleiche

1. August 2006, 17:29
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Der vergessene Herr Geheimrad - Man vergisst einen Liter Milch zu kaufen. Aber man vergisst kein Fahrrad, das lila ist

Es war vor über zwei Jahren. Fast schon drei. Da hat sich M. mein altes Rad ausgeborgt. Weil ihres ihr wieder Mal gestohlen worden war und ich mir ohnehin ein Neues hatte aufschwatzen lassen. M. aber hatte gerade keine Zeit und kein Geld, um sich auf die Suche nach einem neuen Boliden zu machen – und so schlecht beinand war meine alte Krücke ja nun auch wieder nicht. Trotzdem war klar, dass M. sich irgendwann doch ein neues Rad kaufen würde. Und dass sie irgendwann übersiedeln würde – aber das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Dachten wir.

Vorige zwei Wochen trafen wir einander dann wieder einmal auf der Straße. Vor dem Café in dem wir verabredet waren. Und als M. ihr Rad anhängte, bewunderte ich das Ding: Neu schön, schick und – für den Stadtgebrauch – natürlich völlig überzüchtet. Und mitten im Bewundern fiel mir dann ein, dass M. ja immer noch meinen alten Bock hatte. Und wenn sie den nicht mehr brauchte … und so weiter. Aber dringend war das ohnehin nicht, drum sparte ich mir die Anmerkung für später auf.

Erstaunen

M. fiel aus allen Wolken: Das Rad habe sie mir doch schon vor fast einem Jahr retourniert. Weil mein Bruder es gebraucht hätte. Komischerweise war ich aber ein paar Wochen zuvor mit meinem Bruder unterwegs: Er fuhr nicht auf meinem alten, violetten Rad aus Vorarlberg herum. Erstens, weil er ein eigenes hat. Und zweitens, weil er sich nie auf ein lila Rad setzen würde. Auch dann nicht, wenn es vor etwa 14 Jahren die Krone der Fahrradschöpfung dargestellt hatte. Der Moment war peinlich: Man vergisst einen Liter Milch zu kaufen. Oder einen Termin. Aber man vergisst kein Fahrrad. Noch dazu keines, das lila ist – aber einer von uns beiden hatte da ein Problem.

Zwei Tage später rief M. an. Zerknirscht. Ihr sei jetzt wieder eingefallen, wo mein Rad abgeblieben sei: Damals, als sie übersiedelt sei, habe sie es vergessen. Ich freute mich: Am Land, bei meiner Mutter würde ich also bald nicht mehr mit einem alten Damenrad Semmelnholen fahren müssen.

Fahrradophobe Hausverwaltung

Aber M. war noch nicht fertig: Ihr sei, sagte sie, wirklich eingefallen, wo mein Rad sei. Weil sie damals ja noch in der alten Wohnung gewohnt habe. Und die Hausverwaltung dort absolut fahrradophob eingestellt war, hatte sie – so wie alle anderen Hausparteien – das Rad immer draußen, an einem grünen Bügel angehängt, Mit zwei Schlössern. Und als sie dann übersiedelte, habe sie es zuerst nachholen wollen, dann von ihrem Freund ein neues Fahrrad (das mittlerweile auch schon gestohlen worden war, aber immerhin versichert gewesen sei) geschenkt bekommen – und das lila Ding aus Vorarlberg einfach vergessen. Dafür schäme sie sich jetzt.

Die Übersiedlung – ich hatte geholfen – lag mittlerweile zwei Jahre zurück. Zwei Winter im Freien, dachte ich – und bastelte im Kopf an einer Liste: ein bisserl ÖL, ein bisserl Arbeit, ein paar Ersatzteile – was solls. Aber sowohl M. als auch ich wussten, dass das in Wirklichkeit nicht der Punkt war: Ob mein Rad überhaupt noch da sei, gestand M., wisse sie nicht. Und sie drücke sich, seit sie die Erinnerung wie ein Bus gestreift hatte, davor, auch nur in die Nähe ihrer alten Wohnung zu kommen.

Lebendig seziert

Sie wissen nämlich auch ganz genau, wie Fahrräder aussehen, die irgendwo vergessen werden – und so wie ich hatte sie sich früher auch selbst immer wieder gefragt, wer so herzlos, dumm und/oder übersättigt sein könne, absolut brauchbare, gut gewartete Räder einfach irgendwo auszusetzen. Und jenem grausamen Schicksal zu überlassen, dass jedem verwaisten Drahtesel blühe: Bei lebendigem Leib seziert zu werden, nämlich. Reifen und Sattel zuerst. Dann das Kleinzeug. Und dann, wenn nur doch der Rahmen (und manchmal immerhin noch die Kette) übrig wären, käme dann irgendwann der Mann von der Stadt mit der Flex – und das wäre es dann ja wohl gewesen.

M. gehört zu jenen Menschen, die tatsächlich emotionale Bindungen zu Dingen aufbauen können: Nicht nur ihre Stofftiere, auch ihr Auto, ihr iPod und ihre Waschmaschine haben Namen. Mein Rad, erfuhr ich, habe den Namen „Herr Geheimrad“ bekommen. Umso schlimmer plage sie nun das schlechte Gewissen – mir und dem Herrn Geheimrad gegenüber. Was sie denn jetzt tun solle?

Kurz juckte es mich, da zumindest ein paar Minuten lang herumzumosern. Darüber, dass das doch mein Eigentum … und so weiter. Aber so kleinlich bin dann nicht einmal ich: Herr Geheimrad war ja schon vor seiner Verborgung ungenutzt in der Garage herumgelungert. . Außerdem M. war wirklich bedrückt: Als Strafe setzte ich eine Einladung zum Eisessen fest – aber weil ich halt doch ein schlechter Mensch bin, hat mein Rad jetzt auch einen Namen. „Herr Geheimrad junior“ – aber nur dann, wenn M. in Hörweite ist.

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