Hisbollah bringt auch arabische Despoten in Bedrängnis

24. Juli 2006, 16:53
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Muslime in aller Welt bekunden Sympathien für den libanesischen "Widerstand" und kritisieren ihre eigenen Machthaber

Mit wehenden Hisbollah-Fahnen fahren die Autos in Damaskus, an den Scheiben kleben Hassan Nasrallah-Porträts. "Natürlich wünsche ich mir einen Sieg der Hisbollah", sagt etwa Abu Ibrahim, ein Unternehmer in der syrischen Hauptstadt. "Und wie jeder guter Muslim bete ich auch jeden Tag dafür".

Die Begeisterung für die schiitische Miliz wird derzeit in der gesamten arabisch-islamischen Welt geteilt. Nicht nur im Iran und Irak gingen vergangene Woche die Menschen auf die Straße, um ihre Unterstützung für Hisbollah im Kampf gegen Israel zu zeigen. Selbst in den sunnitischen Ländern Pakistan, Jordanien, Sudan, Marokko oder auch in Ägypten bezeugten Tausende von Demonstranten öffentlich ihre Sympathien für die libanesische "Widerstandsgruppe".

Märtyrer statt...

Die ägyptische Zeitung Al Dustoorbrachte mit einem ironischen Vergleich zwischen dem Hisbollah-Generalsekretär, Hassan Nasrallah, und dem Staatspräsidenten Hosni Mubarak das auf einen Nenner, was hinter der Popularität der Hisbollah steht. Mubarak mache seinen Sohn in sechs Jahren zu seinem Nachfolger während Nasrallah seinen Sohn als Märtyrer opferte. Der wurde 1997 im Kampf gegen Israel getötet.

Die Menschen der arabischen Welt wollen statt Worten endlich Taten sehen. Seit Jahren bestimmt der Palästina-Konflikt den gesamten Mittleren Osten, ohne dass eine politische Lösung in Sicht wäre. Seit Jahren liefert das Satellitenfernsehen aus Gaza und der Westbank das Leiden der Palästinenser und auch das Sterben der Bevölkerung im Irak in arabische Wohnzimmer. Nun sind die toten Zivilisten im Libanon dazugekommen, die zerstörten Brücken, Straßen und Häuser. In den Augen vieler haben dies die Könige, Präsidenten und Diktatoren ihrer Region zu verantworten, die es seit Jahren versäumt haben, gegen die Ungerechtigkeit Israels und das Hegemoniestreben der USA entschieden genug einzutreten.

...Nachfolger

Besonderer Unbeliebtheit erfreuen sich Jordanien und Ägypten, die nicht nur Verbündete der Vereinigten Staaten von Amerika sind, sondern auch mit Israel Friedensverträge abgeschlossen haben.

"Obwohl die Entführung der beiden israelischen Soldaten von der Hisbollah nicht gerade von politischer Weisheit zeugt", erklärt Amal Saad Ghorayeb von der amerikanisch-libanesischen Universität in Beirut, "kann sie in dieser Situation zum absoluten Gewinner werden und arabische Staatsoberhäupter in die Zwickmühle bringen."

Sollte die Hisbollah auch nur einen kleinen Teilsieg im aktuellen Konflikt erringen, würde sich ihre Popularität noch um ein Vielfaches steigern. Und damit wüchse wohl auch der öffentliche Druck der Massen auf die arabischen Regierungen, eine aggressivere Politik gegenüber Israel zu verfolgen. (Alfred Hackensberger aus Damaskus/DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2006)

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    Hassan Nasrallah, Hisbollah-Chef

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