"Unsere Würde ist wertvoller als Steine"

24. Juli 2006, 16:55
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Die Menschen im Südlibanon leiden unter den israelischen Angriffen, aber sie stehen hinter Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, den sie mit jedem Tag mehr verehren

Eine Reise in den Süden des Libanon ist eine Fahrt gegen den Flüchtlingsstrom. Die Autos, Kleinbusse und Pickups sind überladen, nicht jeder hat einen Sitzplatz. Ein weißes T-Shirt oder ein Handtuch sollen vor israelischen Luftangriffen schützen.

Bereits kurz nach Beirut ist die Hauptstraße zerbombt, der Weg führt nun über verwinkelte Sträßchen durch das Chouf-Gebirge. Das Gebiet der Drusen wurde bisher von Angriffen verschont. Klar ist die israelische Taktik zu erkennen, dass der Flüchtlingsstrom in sunnitische, drusische und christliche Gebiete gelenkt werden soll, um die schiitische Hisbollah von ihrer Basis abzuschneiden.

Trümmerfeld

Die Abzweigung nach Nabatiye ist ein Trümmerfeld. Nabatiye selbst ist fast ausgestorben. Die Altstadt liegt in Ruinen. Jeden Tag fallen weitere Bomben. Die Infrastruktur ist zerstört, das Spital muss ohne Strom und Wasser auskommen. In Friedenszeiten ist Nabatiya eine lebendige Kleinstadt, bekannt für das schiitische Ashoura-Fest, das hier mit besonderer Inbrunst gefeiert wird.

Wir setzen uns zu einer Gruppe von Männern, die in einer noch einigermaßen intakten Gegend vor einem kleinen Café schwatzen und Wasserpfeife rauchen. Sie sind Ladenbesitzer, Handwerker und Beamte. Nur zehn Prozent der Menschen seien geflüchtet, behaupten sie. Das Leben sei ganz normal. Der Augenschein zeigt eine andere Wahrheit. Nabatiya ist fast eine Geisterstadt. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Im Kaffeehaus fragen sie nach dem Weg, der durch immer neue Zerstörungen jeden Tag ein anderer ist.

Aber die Männer geben sich unerschrocken und kämpferisch, obwohl in der Ferne Rauchsäulen aufsteigen, dort wo die israelische Bodeninvasion bereits im Gang ist. "Unter jedem Sandkorn gibt es hier einen Kämpfer. Die Würde ist wichtiger als Steine", meint einer, angesprochen auf die jüngsten Leiden der Zivilbevölkerung. Er lädt zur Siegesfeier ein und lobt die bisherigen militärischen Erfolge der Widerstandsbewegung.

Krieg gegen Schiiten

Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah sehen sie schon als neue Führungsfigur in der arabischen und islamischen Welt und als Held aller, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Für sie ist der von den USA unterstützte israelische Angriff auf den Libanon ein Krieg gegen die Schiiten, weil die in vielen Ländern zu mächtig werden würden.

In der religiös gemischten Hafenstadt Tyrus sitzen Fischer untätig in einer Bar. Auch sie stehen alle hinter Nasrallah. "Auch wenn er uns das Bier verbietet", scherzt einer von ihnen und nimmt einen Schluck aus der Efes-Dose. "Ich kann auch hier sterben. Es ist billiger, als die 700 Dollar für das Taxi nach Beirut zu bezahlen", sagt einer, der geblieben ist.

Angst haben sie allerdings davor, dass die Hisbollah ihre Raketenabschussrampen näher an bewohnte Gebiete rücken könnte, denn wo immer solche Rampen vermutet werden, schlägt die israelische Armee gnadenlos zu. Von der Bucht in Tyrus, wo man bis nach Haifa sieht, lassen sich die Bombeneinschläge in den libanesischen Grenzdörfern mit bloßem Auge verfolgen.

Das Nadelöhr der Flüchtlingsroute liegt zwischen Tyrus und Sidon, wo schon am ersten Tag die Brücke über den Litani-Fluss zerbombt wurde. Die Umfahrung ist ein schmaler Feldweg. Der Strom der leeren Taxis und Busse kommt aus Beirut zurück. Und wie jeden Tag sind am späteren Nachmittag die israelischen Kampfjets in der Luft und die donnernden Einschläge in der Gegend zu hören. In Sidon tönt der Knall wie ein Feuerwerk. "Keine Angst, das sind nur Flugblätter", beruhigt ein älterer Mann und zieht weiter an seiner Wasserpfeife.

Zwei Sujets, beides Karikaturen, sind darauf zu sehen. Die eine zeigt Nasrallah, wie er sich hinter Zivilisten versteckt. Auf der anderen fragt Nasrallah Bashar al-Assad, Ismael Haniyeh und Mohammed Ahmadi-Nejad "ay chidma?"- braucht ihr meine Dienste? Nicht einmal ein müdes Lächeln haben die Männer in Sidon für die psychologische Kriegsführung der Israelis übrig. "Seit Jahrzehnten kämpfen sie gegen uns, aber sie haben keine Ahnung von uns und unserer Mentalität", ist alles, was sie dazu sagen. (Astrid Frefel aus Tyrus/DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2006)

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